Damit sie eins
werden in deiner Hand (Ez 37,17)
Wien,
23.01.2009
Das Wort aus dem
Buch des Propheten Ezechiel ist in die geschichtliche Situation der Teilung des
Landes hinein gesprochen. Geteilte Länder wie Korea, sie stehen für schmerzliche
Erfahrungen. Die Teilung ist geographisch, auch ideologisch und wirtschaftlich.
Das hat massive Auswirkungen auf das Leben- und Beziehungsgefüge der Menschen.
Natürliche Lebensbande können nicht geknüpft werden, verwandtschaftliche
Beziehungen sind zerrissen, kulturelle Ströme verstopft, wirtschaftlicher
Austausch und Handel kaum möglich. Das was einmal beisammen war, lebt sich
auseinander. Man wird sich fremd, weil es keine gemeinsamen Zeiten und Räume
mehr gibt. So bekommt auch die Heimat oder das Heimatgefühl einen
Riss.
Freilich, das
lässt sich nicht eins zu eins auf die Glaubenseinheit übertragen. Denn Einheit
und Gemeinschaft
unter Christen ist nicht einfach naturhaft vorgegeben oder machbar. Die
Verbindung durch die gemeinsame Familie, die Verwandtschaft von Fleisch und
Blut, die gemeinsame soziale Herkunft oder auch bloße Sympathie und
Freundschaft wären zu wenig. Im Evangelium wird die biologische Verwandtschaft
inklusive der Beziehung Jesu zu seiner Mutter Maria massiv relativiert. Die
Grenzen nationaler Einheit und von ethnischer Zusammengehörigkeit werden von
Jesus auf den je größeren Gott (Deus semper maior) und den je kleineren Gott
(semper minor) gesprengt. So sind die Kriterien der Einheit andere:
„Der Ausschluss
des Schwachen und Unansehnlichen, des scheinbar Unbrauchbaren aus einer
christlichen Lebensgemeinschaft kann geradezu den Ausschluss Christi, der
in dem armen Bruder an die Tür klopft, bedeuten.“[1] Zudem ist die Sprache
der Einheit wie „ein Volk“ oder „ein Reich“ durch die dämonische Erfahrung mit
dem Nationalsozialismus massiv verdorben. Einheit ist nicht gleich
Einheit.
Und doch:
ein Christ ist kein Christ. Ein
Christ kann kein Eigenbrötler und auch kein Selbstversorger sein.
Die Ur-Idee
Gottes mit seiner Schöpfung heißt „Communio“, und zwar deshalb, weil Gott selbst
Communio ist, einer als Communio, als engste Gemeinschaft der Liebe dreier
Personen. Die Schöpfung als Bild und Abglanz Gottes trägt communionale Züge und
ist auf eine communionale Vollendung hin angelegt. Christen sind wir
wesentlich in Gemeinschaft und in Beziehung. Wohl ruft Jesus seine Jünger aus
den verwandtschaftlichen Beziehungen von Fleisch und Blut heraus, aber nicht um
sie zu isolieren, sondern um sie in eine neue Familie einzuführen.
Koinonia/communio meint participatio/Teilhabe, Teilhabe an den von Gott
geschenkten Gütern des Heils: Teilhabe am Heiligen Geist, am neuen Leben, an der
Liebe, am Evangelium, an der Eucharistie[2].
Wirkliche
Einheit ist nicht machbar, sie muss durch Vertrauen, Verständnis, Einsatz
füreinander und durch Liebe wachsen. Frieden und Vergebung müssen gewagt und
gestiftet werden.
Einheit und
Konflikt in der Ökumene
„Die Gemeinde der
Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er
hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. Mit großer Kraft
legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung.“ (Apg 4,32f.) Beim Hören
dieser idealen Zustände kommen rasch der Frust über die gegenwärtigen Zustände,
die Enttäuschung über die real existierende Kirche(n), die Aggression gegenüber
den verantwortlichen Personen und Institutionen, auch die Enttäuschung über den
Zustand des ökumenischen Gesprächs. Wenn wir die Apostelgeschichte insgesamt
lesen und von ihr her unsere kirchlichen Erfahrungen deuten, so kommen viele
Parallelen: „Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung, so dass sie [Paulus
und Barnabas] sich voneinander trennten.“ (Apg 15,39). Wenn wir die Zeugnissen
der ersten Gemeinden genauer anschauen, so gibt es da Machtfragen, Drangsale,
Konflikte, Auseinandersetzungen, Eifersucht, Neid, Zu kurz Kommen,
Kleiderfragen, Ritusstreitigkeiten, Genderthemen, Probleme mit der
Gemeindeordnung, mit der Prophetie, Auseinandersetzungen um Ehe und Ehebruch, um
Geld und Solidarität, Glaubensfragen usw. Es gibt Tratsch auf dem Areopag (Apg
17,21), dann wird Mut zugesprochen (Apg 16,40), da gibt es das Stärken der
Brüder (Apg 18,23).
Unsere konkreten
Kirchen, auch unser ökumenisches Miteinander sind wie die Urgemeinde und die
ersten Gemeinden des Paulus eine höchst gemischte Gesellschaft. Da gibt es
Behinderungen, Belastungen, Kränkungen und Machtverhältnisse im
Miteinander. Da ist die Sehnsucht nach Einheit und da sind eingeschränkte
Beziehungen oder gar Beziehungslosigkeit in der Realität. Die Verzerrungen und
Behinderungen sind bei Paulus Material der Communio. Er rühmt sich seiner
Schwächen (2 Kor 12,9; 1 Kor 1,18-31). Es wäre gerade die Herausforderung, mit
den Licht- und mit den Schattenseiten, mit den Rosen und Neurosen
beziehungsreich umzugehen.
Zurzeit
mehren sich die Stimmen, die in
der Ökumene vom Ziel einer Einheit, die sich einem gemeinsamen Glauben
verpflichtet weiß und eben darin auch sichtbare, erfahrbare Einheit ist, mehr
und mehr abrücken.[3] Ist diese
Zielvorgabe wirklich so schnell abzuschreiben? Es ist klar, dass die Vorgabe
„sichtbare Einheit“ näher definiert werden muss. Gemeint ist keinesfalls
uniformistische Einheitlichkeit, mit der man das ökumenische Ziel der
Einheit im Glauben konterkarieren kann. Aber Ziel allen ökumenischen Bemühens
sollte nach römisch katholischem Verständnis eine Einheit sein, die sich im
gemeinsamen Bekennen des apostolischen Glaubens, im Verständnis der Sakramente
(vornehmlich der Eucharistie und der Taufe) und im Verständnis des
kirchlichen Amtes eins weiß.
Es
gibt Stimmen, die behaupten: Die Ökumene, sonderlich die Konsensökumene, sei an
ihr Ende gelangt. Zumindest könne es so wie bisher nicht weitergehen. Das geht
bis zur Ansicht, die Kirchen seien angesichts ihrer konkreten konfessionellen
Struktur prinzipiell ökumeneunfähig. Etwas moderater äußern sich jene,
denen die bisher in theologischen Gesprächen erreichten Annäherungen
ausreichend sind für eine „Einheit in versöhnter
Verschiedenheit“.
Eine
andere Spannung in der Sicht von Ökumene sieht so aus: Da sind auf der einen
Seite die ökumenischen Fachleute, die um die theologischen Kontroversprobleme
wissen und diese redlich aufzuarbeiten suchen. Auf der anderen Seite gibt es
eine Mentalität, die diese Fragestellungen aus der Geschichte als
bedeutungslos ansieht. Man verweist auf das Desinteresse im säkularen Umfeld an
solchen Fragen, auch das Desinteresse bei Kirchenmitgliedern und fordert eine
Art „Hauruck-Ökumene“. Man meint, die Gemeinsamkeit der Kirchen ohne
größere Mühe, ohne eigene Umkehr und Buße, ohne geistige und geistliche
Anstrengung mit Beschlüssen und Aktionen herbeiführen zu können, sei es „von
oben“ oder „von unten“. Dieser „ökumenische Pragmatismus“ sieht überhaupt keine
Probleme mehr. Er regelt alles nach eigenem Geschmack, ohne sich um irgendwelche
kirchliche Vorgaben zu scheren, nach dem Motto: „Was gehen uns die
Streitigkeiten von gestern an!“
Ebenso
scheint mir eine Ökumene, die als Subjekt des Handelns allein auf eine isolierte
„Basis“ setzt, zum Scheitern verurteilt, wie eine Ökumene, die von einer
isolierten „Kirchenobrigkeit“ her denkt. Wirklicher Fortschritt in der
Annäherung der Kirchen setzt die innere Einheit der kirchlichen Autoritäten
mit dem Denken, Beten und Handeln der Gläubigen voraus.
Meist
denkt man sich die Ökumene als einen Weg, der mehr oder weniger kontinuierlich
auf die vor uns liegende Einheit zuläuft. Dabei übersieht man, dass
unterschwellig oder manchmal auch ganz offen in wichtigen Bereichen des
kirchlichen Lebens und Glaubensbewusstseins Entwicklungen eintreten, die die
Kirchen auseinanderdriften lassen. Als Beispiele verweise ich auf manche
Entwicklungen im Bereich ethischer Grundüberzeugungen. Auch im Blick auf
politische Optionen sind jene Fliehkräfte nicht zu unterschätzen, die uns als
Kirchen bei Stellungnahmen zu scheinbar nichttheologischen Fragen und
Entwicklungen in der Profangesellschaft auseinanderdriften lassen.
Wie
kommen wir in der Ökumene weiter?
Es
gilt ernst zu machen mit der Tatsache, dass wir in der getrennten Christenheit
mehr haben, was uns untereinander verbindet als was uns trennt.[4] Josef Ratzinger
hatte 1986 die Formulierung gebraucht, man müsse „die bestehende Einheit
operativ machen“. Diese Anregung hat eine doppelte Stoßrichtung: Zum einen
müssen Unterschiedlichkeiten im Sinne des differenzierten Konsenses miteinander
versöhnt werden, also als sich nicht gegenseitig ausschließende, wohl aber
komplementär ergänzende Aspekte der gemeinsamen Einsicht in das Mysterium
Christi verstanden werden. Dies hat in vorbildlicher Weise die „Gemeinsame
Erklärung zur Rechtfertigung“ versucht.
Zum
anderen hat diese Option natürlich auch den Sinn, unnötige und vom Zentrum des
Glaubens wegführende Ausformungen konfessionellen Eigenlebens zurück zu
schneiden. Nicht alles, was in der kirchlichen Frömmigkeitspraxis und in der
Ausgestaltung kirchlichen Lebens uns zugewachsen ist, muss bewahrt werden.
Damit
hängt eng zusammen: Die Ökumene braucht die je eigene Umkehr und Buße der
Christen und der Kirche insgesamt. Man könnte auch vom ökumenischen
„Dialog der Bekehrung“ (Ut unum sint Nr.
35)[5] sprechen. Ohne
Selbstevangelisierung der Kirchen hat die Ökumene keine tragfähigen
Grundlagen.
Für
die ökumenische Arbeit sind „vertrauensbildende Maßnahmen“ wichtig. Wir müssen
damit rechnen, dass es immer wieder durch menschliche Schwäche, Unaufmerksamkeit
aber auch durch echte Schuld zu Rückschlägen in der ökumenischen Annäherung
kommt. Um solche Phasen durchstehen zu können, bedarf es eines angehäuften
Kapitals an Vertrauen, das nicht erst in diesen kritischen Phasen, sondern schon
im Voraus zu bilden ist. Zu diesem Vertrauensfundus gehört auch die
Bereitschaft, sich freimütig auf Dinge aufmerksam zu machen, die für den
ökumenischen Partner belastend sind. Mehr freilich noch gehört dazu, jene
Möglichkeiten der Zusammenarbeit und des gemeinsamen Zeugnisses auszuschöpfen,
die uns heute schon möglich sind.
Schließlich
möchte ich ausdrücklich die Notwendigkeit ansprechen, in einigen besonders die
Praxis des ökumenischen Miteinanders betreffenden Problemfeldern verantwortbare
Regeln zu entwickeln. Kardinal Walter Kasper hat von der Aufgabe gesprochen,
nach „Einzelfallgerechtigkeit“ zu suchen. Es braucht weitere seelsorgliche
Hilfen für konfessionsverschiedene bzw. verbindende Ehen, Hilfen, die
sowohl mit unserem kirchlichen Selbstverständnis als auch mit der konkreten
Situation dieser Paare in Einklang stehen.
Ökumene des
Zeugnisses
„Das Leben lebt
nicht.“ So setzt Theodor Adorno sein Motto an den Beginn seiner Minima moralia.
Und: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“[6] Gibt es ein
„richtiges“ Leben in schwierigen Verhältnissen? Kann Ökumene gelingen, wenn die
Euphorie ermüdet ist? Jede Zeit ist eine Zeit der Gnade und des Zeugnisses.
Ökumene ist gerade heute auch eine Ökumene der Märtyrer: Es stimmt, was der
orthodoxe Metropolit von Sankt Petersburg Benjamin, der im Jahre 1922 das
Martyrium erlitt, am Abend vor seiner Hinrichtung notierte: „Die Zeiten haben
sich geändert. Es hat sich die Möglichkeit ergeben, aus Liebe zu Christus Leiden
auf sich zu nehmen.“ Paul Schneider verweigerte bei einem Fahnenappell
anlässlich des Führergeburtstages am 20. April 1938 den Hitlergruß verweigerte
mit der Begründung: „Dieses Verbrechersymbol grüße ich nicht!“ Er wurde
öffentlich mit Stockschlägen bestraft und in eine Einzelzelle des Arrestgebäudes
(„Bunker“) gesperrt. Am Ostersonntag soll er sich trotz größter Schmerzen an den
Gitterstäben seiner Zelle hochgezogen und den tausenden von Häftlingen draußen
auf dem Appellplatz zugerufen haben: „Kameraden, hört mich. Hier spricht Pfarrer
Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. So spricht der Herr: Ich bin
die Auferstehung und das Leben!“. Weiter kam er nicht. Massive Stockschläge
ließen den „Prediger von Buchenwald“ wieder
verstummen.
Der selige Franz
Jägerstätter hat sich die innere Freiheit in der Diktatur und im Gefängnis
bewahrt: „Besser die Hände gefesselt als der Wille“, schreibt er in seinen
Aufzeichnungen. Er hat den richtigen Weg gefunden im falschen.
Ökumene, das ist
gemeinsames Zeugnis: „Vor der ganzen Welt sollen alle Christen ihren Glauben an
den einen dreifaltigen Gott, an den Mensch gewordenen Sohn Gottes, unsern
Erlöser und Herrn, bekennen und in gemeinsamem Bemühen in gegenseitiger Achtung
Zeugnis geben für unsere Hoffnung, die nicht zuschanden wird. Da in heutiger
Zeit die Zusammenarbeit im sozialen Bereich sehr weit verbreitet ist, sind alle
Menschen ohne Ausnahme zu gemeinsamem Dienst gerufen, erst recht diejenigen, die
an Gott glauben, am meisten aber alle Christen.“ (UR 12) Zeugnis im
diakonischen, caritativen und auch im politischen Bereich. Denn Ökumene,
Christus-Gedächtnis im Geist hat eine zutiefst diakonische, caritative
Dimension. 1998 hat der Ökumenische Rat der Kirchen eine Dekade zur Überwindung
von Gewalt unter den Geschöpfen ausgerufen (2001-2010). Das Antlitz Jesu
erscheint wieder in all den geschundenen Lebewesen, die unter Formen der
lebensvernichtenden Gewalt leiden. Die schöpfungstheologisch begründete Ethik,
der Schrei nach Gerechtigkeit, die Sorge um den Erhalt der Lebensmöglichkeiten,
der Widerstand gegen Gewalt gehören zum innersten Auftrag der
Ökumene.
Beten um Einheit,
das darf zuallererst und zuletzt verbunden sein mit dem Dank an Gott: Das
ökumenische Miteinander vermittelt eine Ahnung vom großen Reichtum des
konfessionell geprägten Glaubenslebens. In allen Unterschieden und auch
Spannungen ist es ein gegenseitiges Geben und Empfangen, des gemeinsamen Betens
und Feiern, des Hörens auf die Schrift, des Lernens vom anderen. In der Ökumene
des Lebens, d. h. im diakonischen Handeln, im missionarischen Wirken und in den
Feiern des Glaubens wird die Verbundenheit gelebt.
Manfred
Scheuer
[1] Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames
Leben. Das Gebetbuch der Bibel (WW hg. von Eberhard Bethge,
Bd. 5 hrsg. von Gerhard Ludwig Müller) München 1987,
29.
[2] „Beim Brechen des
eucharistischen Brotes erhalten wir wirklichen Anteil am Leib des Herrn und
werden zur Gemeinschaft (communio) mit ihm und untereinander erhobenen.“
(LG 7; vgl. LG
3; UR 2; AA 8; PO 6).
[3] Vgl. dazu Joachim Wanke,
Neuer Konfessionalismus? Anmerkungen zur ökumenischen Situation aus katholischer
Sicht. Vortrag auf der 50.
Europäischen Tagung für Konfessionskunde am 24.2.2006 in Bensheim. Der Vortrag
aktualisiert Gedanken, die von mir schon vor einigen Jahren vorgetragen wurden,
vgl.: Erlahmt der ökumenische Impuls? Anmerkungen aus der ökumenischen Praxis,
in: Cath 53 (1999) 95-108.
[4] Johannes
Paul II., Ut unum sint Nr.
22.
[5] „Diese Bekehrung des
Herzens und die Heiligkeit des Lebens ist in Verbindung mit dem privaten und
öffentlichen Gebet für die Einheit der Christen als die Seele der ganzen
ökumenischen Bewegung anzusehen; sie kann mit Recht geistlicher Ökumenismus
genannt werden.“ (UR 8)
[6] Theodor Wiesengrund
Adorno, Minima Moralia, I, 18; Gesammelte Schriften, Bd. 4,
19.