"Tag des Judentums": Kirchen bekennen sich zu Dankbarkeit und Demut

Im Zeichen der Verbundenheit mit dem Judentum und geprägt vom Bekenntnis zum unbedingten Einsatz gegen jede Form von Antisemitismus stand am Samstagabend der Gottesdienst des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) in Wien. Der Wiener armenisch-apostolische Bischof und ÖRKÖ-Vorsitzende Tiran Petrosyan konnte dazu in der armenischen Hripsime-Kirche im Dritten Bezirk zahlreiche Gläubige und Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen begrüßen. Ohne Judentum gäbe es kein Christentum, so der Bischof. Dessen müssten sich die Christen stets bewusst sein. Demütig gelte es, voneinander und miteinander zu lernen und entschlossen gemeinsam für den Frieden und gegen Antisemitismus aufzutreten.

Mit dem armenischen Bischof standen u.a. die evangelische Bischöfin Cornelia Richter, der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar Nicolae Dura und Vater Alexander Lapin, der reformierte Pfarrer Thomas Hennefeld und die evangelische Oberkirchenrätin Ingrid Bachler, der altkatholische Altbischof Bernhard Heiz, der syrisch-orthodoxe Chorepiskopos Emanuel Aydin und die methodistische Pastorin Antje Klein dem Gottesdienst vor. Die Predigt hielt der Wiener Diözesanbeauftragte für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Dechant Ferenc Simon.


"Lasst uns Gott lernen"
Der Gottesdienst stand unter dem biblischen Motto "Lasst uns Gott lernen" aus dem biblischen Buch Hosea. Dechant Simon griff diese Aussage in seiner Predigt auf. "Glauben heißt lernen. Ein Leben lang." Das bedeute, Gott "im Leben zu suchen, im Handeln, im Umgang mit anderen Menschen." Für das Judentum sei dieser Gedanke zentral. Gott zu lernen bedeute, "sein Wort immer wieder neu zu hören, es auszulegen, darüber zu ringen, es im Alltag umzusetzen", so Simon: "Lernen hört nie auf. Auch Zweifel, Fragen und Unruhe gehören dazu."

Und genau hier berührten sich jüdischer und christlicher Glaube, "denn auch wir Christen sind Lernende. Auch wir stehen nicht am Ende, sondern auf dem Weg. Unser Glaube ist aus derselben Quelle hervorgegangen. Israel ist die Quelle, aus der auch wir schöpfen. Nicht Vergangenheit, sondern lebendige Gegenwart."
Jesus selbst habe aus dieser Quelle gelebt. "Er hat die Psalmen gebetet. Er hat die Schrift ausgelegt. Er hat im Glauben Israels Gott gelernt. Und er hat uns gezeigt, dass Gotteserkenntnis immer mit Liebe verbunden ist - mit Barmherzigkeit, mit Nähe zu den Menschen, mit Verantwortung füreinander."
Der Dechant nahm auch auf die Geschichte Wiens Bezug: "Wien war ein Ort reicher jüdischer Kultur, geistiger Tiefe und religiösen Lebens. Aber auch ein Ort von Ausgrenzung, Hass und Vernichtung. Die Shoah gehört zur Geschichte dieser Stadt. Sie verpflichtet uns."
Als katholischer Priester wolle er deutlich sagen: "Christlicher Antijudaismus hat über Jahrhunderte hinweg Wunden geschlagen. Worte haben Haltungen geformt, und Haltungen haben Taten ermöglicht." Darum sei der Tag des Judentums auch kein frommer Zusatz, sondern ein Akt der Verantwortung. "Gott lernen heißt auch, aus der Geschichte zu lernen", so Simon wörtlich und weiter: "Gott lernen heißt, das eigene Verhalten prüfen. Gott lernen heißt, sich korrigieren zu lassen. Gott lernen heißt, bereit zu sein, umzudenken."
Konkret für die Gegenwart in Wien könne dies wohl auch bedeuten: "Aufmerksam sein füreinander. Jüdisches Leben in dieser Stadt nicht nur tolerieren, sondern wertschätzen und schützen. Im Gespräch bleiben, auch wenn es schwierig wird. Und nicht über andere reden, sondern mit ihnen."
Schließlich kam Dechant Simon auch auf die Armenische Kirche zu sprechen: " Auch das armenische Volk kennt Leid, Verfolgung und Diaspora. Auch hier weiß man, was es heißt, den Glauben durch schwere Zeiten hindurch zu bewahren."

Kirchen dürfen sich nicht zurücklehnen
Der Gottesdienst wurde vom ÖRKÖ gemeinsam mit dem Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit verantwortet. Für die erkrankte Präsidentin des Ausschusses, Prof. Regina Polak, ergriff ihr Vorgänger in diesem Amt, Prof. Martin Jäggle, das Wort. Inzwischen hätten viele Christinnen und Christen zu verstehen begonnen, dass ihr Glaube untrennbar mit dem Judentum verbunden sei. Auch das Bewusstsein der Schuld, die die Kirchen durch eine jahrhundertelange antijüdische Tradition auf sich geladen hat, wachse.
Aber die Kirchen dürfen sich nicht zurücklehnen, so Jäggle, denn jüdisches Leben in Österreich sei von einem breit akzeptierten Antisemitismus bedroht. Dagegen müssten die Kirchen gemeinsam mit der Zivilgesellschaft auftreten. Und auch in den Kirchen würden sich immer noch antijüdische Stereotype und Ressentiments finden. Dies verpflichte die Kirchen, den Weg der Buße und Neubesinnung entschlossen weiterzugehen, so Jäggle. Mehr denn je gelte es, "den spirituellen und theologischen Reichtum Israels als Fundament unseres eigenen Glaubens neu zu entdecken.

Der "Tag des Judentums" wird in ganz Österreich jedes Jahr am 17. Jänner mit verschiedenen Veranstaltungen und Gottesdiensten begangen.
Die Predigt im Wortlaut:
Im Mittelpunkt möchte ich heute ein Wort aus dem Propheten Hosea stellen. Es ist ein kurzer Satz, aber einer von großer Tiefe:
in der Sprache, in der es zuerst gesprochen wurde.
וְנֵדְעָה נִרְדְּפָה לָדַעַת אֶת־יְהוָה …
Das heißt: Lasst uns Gott lernen.
Mehr sagt Hosea am Anfang gar nicht.
Nicht: Wir wissen schon genug.
Nicht: Wir haben Gott verstanden.
Sondern: Lasst uns lernen.
Das ist ein Satz, der gut zum Tag des Judentums passt.
Und er passt gut hierher – in diese Kirche, in diese Stadt.
Glauben heißt lernen.
Ein Leben lang.
Dieser Satz berührt mich immer wieder. Denn er sagt nicht: Wir besitzen Gott. Er sagt nicht: Wir haben ihn verstanden. Er sagt: Lasst uns lernen. Glauben heißt lernen. Ein Leben lang.
Hosea spricht zu einem Volk, das religiös sehr aktiv ist. Es bringt Opfer dar, hält Rituale ein, kennt die Formen. Und doch sagt Gott durch den Propheten: Das genügt nicht. Denn was fehlt, ist die Tiefe. Die Beziehung. Die Treue. Darum hören wir diesen ernüchternden Satz:
„Eure Liebe ist wie eine Morgenwolke, wie der Tau, der früh vergeht.“
Und dann folgt der entscheidende Vers:
„An Liebe habe ich Gefallen, nicht am Opfer,
an der Erkenntnis Gottes mehr als an Brandopfern.“
Das ist kein Angriff auf den Gottesdienst. Es ist eine Einladung, tiefer zu gehen. Gott lernen heißt: Gott nicht auf religiöse Handlungen zu reduzieren. Gott lernen heißt: ihn im Leben zu suchen, im Handeln, im Umgang mit anderen Menschen.
Für das Judentum ist dieser Gedanke zentral. Gott zu lernen bedeutet, sein Wort immer wieder neu zu hören, es auszulegen, darüber zu ringen, es im Alltag umzusetzen. Lernen hört nie auf. Auch Zweifel, Fragen und Unruhe gehören dazu. Und genau hier berühren sich jüdischer und christlicher Glaube.
Denn auch wir Christen sind Lernende. Auch wir stehen nicht am Ende, sondern auf dem Weg. Unser Glaube ist aus derselben Quelle hervorgegangen. Israel ist die Quelle, aus der auch wir schöpfen. Nicht Vergangenheit, sondern lebendige Gegenwart.
Jesus selbst hat aus dieser Quelle gelebt. Er hat die Psalmen gebetet. Er hat die Schrift ausgelegt. Er hat im Glauben Israels Gott gelernt. Und er hat uns gezeigt, dass Gotteserkenntnis immer mit Liebe verbunden ist – mit Barmherzigkeit, mit Nähe zu den Menschen, mit Verantwortung füreinander.
Wenn wir heute in Wien diesen Text hören, dann hören wir ihn in einer Stadt mit einer besonderen Geschichte. Wien war ein Ort reicher jüdischer Kultur, geistiger Tiefe und religiösen Lebens. Aber auch ein Ort von Ausgrenzung, Hass und Vernichtung. Die Shoah gehört zur Geschichte dieser Stadt. Sie verpflichtet uns.
Als katholischer Priester sage ich klar: Christlicher Antijudaismus hat über Jahrhunderte hinweg Wunden geschlagen. Worte haben Haltungen geformt, und Haltungen haben Taten ermöglicht. Darum ist der Tag des Judentums kein frommer Zusatz, sondern ein Akt der Verantwortung. Gott lernen heißt auch, aus der Geschichte zu lernen.
Und vielleicht ist genau das Hoseas Botschaft an uns heute:
Gott lernen heißt, das eigene Verhalten prüfen.
Gott lernen heißt, sich korrigieren zu lassen.
Gott lernen heißt, bereit zu sein, umzudenken.
Hosea verbindet Gotteserkenntnis mit einem wunderschönen Bild:
„Sein Kommen ist so sicher wie das Morgenrot.
Er kommt wie der Regen, der die Erde tränkt.“
Gott ist keine abstrakte Idee. Gott kommt. Er kommt dort, wo Menschen offen sind. Wo sie sich nicht hinter Formen verstecken, sondern ihr Herz öffnen. Wo sie Liebe leben, nicht nur Opfer bringen.
Gerade hier in der armenisch-apostolischen Kirche wird mir das bewusst. Auch das armenische Volk kennt Leid, Verfolgung und Diaspora. Auch hier weiß man, was es heißt, den Glauben durch schwere Zeiten hindurch zu bewahren. Darum ist dieser Ort ein guter Ort, um Hoseas Wort zu hören: Lasst uns Gott lernen – mit Geduld, mit Treue, mit Demut.
Was könnte das konkret heißen, heute, in Wien?
Vielleicht heißt es: aufmerksam sein füreinander.
Vielleicht heißt es: jüdisches Leben in dieser Stadt nicht nur zu tolerieren, sondern wertzuschätzen und zu schützen.
Vielleicht heißt es: im Gespräch zu bleiben, auch wenn es schwierig wird.
Vielleicht heißt es: nicht über andere zu reden, sondern mit ihnen.
Gott lernen heißt nicht, alles zu wissen.
Gott lernen heißt, sich führen zu lassen.
Und Hosea verspricht uns: Gott ist verlässlich. So verlässlich wie das Licht am Morgen. So lebensnotwendig wie der Regen für die Erde.
Darum möchte ich mit Ihnen beten – still oder laut, jede und jeder auf seine Weise:
Dass wir Gott lernen dürfen, Tag für Tag.
Dass wir lernen, barmherzig zu sein.
Dass wir lernen, gerecht zu handeln.
Dass wir lernen, Frieden zu suchen – in Jerusalem, in Wien und überall dort, wo Menschen einander begegnen.
„An Liebe habe ich Gefallen“, sagt Gott.
Möge diese Liebe unser Lernen prägen.
Und möge der Gott Israels, der auch unser Gott ist, uns auf seinem Weg führen.

