Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes
Das Ende der Selbstzufriedenheit
„Unser Zeitalter bedeutet das Ende der Selbstzufriedenheit, das Ende des Ausweichens, das Ende der Selbstsicherheit. Gefahren und Ängste sind Juden und Christen gemeinsam; wir stehen zusammen am Rande des Abgrunds. Die Interdependenz der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der ganzen Welt ist eine grundlegende Tatsache unserer Situation. Störung der Ordnung in einem kleinen Land irgendwo auf der Welt erweckt Befürchtungen bei den Menschen auf der ganzen Welt. Beschränkung auf die eigene Gemeinschaft ist unhaltbar geworden. … Die Religionen der Welt sind so wenig selbständig, unabhängig oder isoliert wie Einzelmenschen oder Nationen. ... Keine Religion ist ein Eiland. Wir alle sind miteinander verbunden. Verrat am Geist auf Seiten eines von uns berührt den Glauben aller. Ansichten einer Gemeinde haben Folgen für andere Gemeinden.“ (Abraham Joschua Heschel)[1] – Keine Kirche ist eine Insel. Das Schicksal der Armenier in all den Jahrhunderten und auch im September 2023 hat Auswirkungen auf die gesamte Christenheit. Die (Nicht-) Beziehungen zwischen orthodoxen Kirchen, etwa zwischen Konstantinopel und Moskau wirken massiv auf das Verhältnis zur katholischen Kirche. Der Krieg in der Ukraine ist eine Niederlage der Ökumene.
„Der Katholizismus ist … die einzige Wirklichkeit, die, um zu sein, es nicht nötig hat, sich entgegenzusetzen, also alles andere als eine ‚geschlossene Gesellschaft‘. … ganz im Gegensatz zu der Ausschließlichkeit und Steifheit, die den Sektengeist kennzeichnet. … Die Kirche ist überall zu Hause und jeder soll sich in der Kirche zu Hause fühlen können. So trägt der auferstandene Herr, wenn er sich seinen Freunden kundtut, das Gesicht aller Rassen, und jeder hört ihn in seiner eigenen Sprache.“[2] Das Konzil bestimmt die Identität der Kirche von Christus her als eine Identität in Kommunikation und Dialog. Es wäre ein großes Unglück, den Katholizismus gegen jemanden gelernt zu haben. „Ja selbst die Feindschaft ihrer Gegner und Verfolger, so gesteht die Kirche, war für sie sehr nützlich und wird es bleiben.“ (GS 44)
Johann Baptist Metz fordert von einer Kirche, die reale Weltkirche werden will, ohne das Erbe des Judentums und der europäisch-abendländischen Geschichte abzustreifen, die Verwirklichung von zwei Grundzügen des biblischen Erbes: Dass sie im Namen ihrer Sendung Freiheit und Gerechtigkeit für alle sucht, d.h. dass sie eine Option für die Armen trifft, und dass sie sich als Kultur der Anerkennung der Anderen in ihrem Anderssein entfaltet[3]. In dieser Hinsicht ist Weltkirche ein Lernraum[4], Katholizität ein Lernprinzip[5]. Solche Lernschritte hatte die Kirche als ganze immer wieder zu setzen: das begann mit dem sogenannten Apostelkonzil (Apg 15,6-21) bei der Frage, ob man beschnitten werde müsse, um das Heil zu erlangen. Auch die altkirchlichen Konzilien waren Lernschritte der Katholizität im Einlassen auf die Philosophie als Mittel zur Auseinandersetzung in der Gottesfrage und als Hilfe für die Antworten des Glaubens auf an ihn gestellte Fragen. Schmerzliche Lernschritte für die Kirche waren die Frage der Menschenwürde und der Menschenrechte zu Beginn der Neuzeit und das damit verbundene Verbot der Sklaverei. Lernprozesse im 20. Jh. waren und sind etwa die ökumenische Bewegung, der interreligiöse Dialog, die Neubestimmung der Beziehung bzw. des Verhältnisses der Kirche zu Israel oder die Frage der Inkulturation, der Kampf um Gerechtigkeit, die Option für die Armen, der Friedensauftrag der Kirche. In dieser Perspektive gehören Polyzentrismus und Universalismus, Weltkirche und Basiskirche zusammen.
Lernbereitschaft und Umkehr
Ganz im Sinne des Aufklärungsideals war es Ziel von Immanuels Kants Schrift „Über Pädagogik“[6], Menschen zur geistigen Beweglichkeit zu führen. Und die braucht es im ökumenischen Gespräch. Das gilt für einen Überblick zu verschiedenen Denkweisen über die Fähigkeit zur Kritik bis hin zur Selbstkritik: diese ist – mit Kant gesprochen – die „Beweglichkeit des eigenen Denkens, das sich selbst immer wieder der Möglichkeit aussetzt, falsch zu liegen“. – Im ökumenischen Dialog braucht es Lernbereitschaft und Lernfähigkeit, die Bereitschaft damit zu rechnen, auch einmal falsch zu liegen sowie die Reinigung des Gedächtnisses. In seiner Ankündigungsbulle zum Heiligen Jahr 2000 „Incarnationis mysterium“ (29. November 1998) hebt Papst Johannes Paul II. die „Reinigung des Gedächtnisses“ hervor. Eine solche „Reinigung des Gedächtnisses“ vollzieht sich als ein Prozess, der auf die Befreiung des individuellen und gemeinschaftlichen Gewissens von allen Formen des Ressentiments und der Gewalt zielt, die historische Schuld und Verfehlung hinterlassen haben. Als Mittel dazu dient eine vertiefte historische und theologische Beurteilung der betreffenden Ereignisse. Wenn dieses Urteil sich als richtig erweist, ermöglicht es eine entsprechende Schuldanerkenntnis und eröffnet einen wirklich gangbaren Weg zur Versöhnung.
Ökumene als Vollzug des Katholischen
„Zugleich bitten wir Gott um die Stärkung der Einheit innerhalb der Kirche. Eine Einheit, die durch Unterschiede bereichert wird, die durch das Wirken des Heiligen Geistes miteinander versöhnt werden. … Es ist darüber hinaus dringend notwendig, weiterhin Zeugnis von einem Weg der Begegnung zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen zu geben. … ‚Alle sollen eins sein‘ (Joh 17,21). Wenn wir Jesu Aufruf hören, erkennen wir mit Schmerz, dass dem Globalisierungsprozess noch immer der prophetische und spirituelle Beitrag der Einheit aller Christen fehlt. Aber ‚auch während wir noch auf dem Weg zur vollen Gemeinschaft sind, haben wir bereits die Pflicht, gemeinsam die Liebe Gottes zu allen Menschen zu bezeugen, indem wir im Dienst der Menschlichkeit zusammenarbeiten.‘“[7]
Ökumene ist nicht irgendein Nebenthema oder ein beliebiges Anhängsel in der Kirche, schon gar nicht eine Vorstufe zur lautlosen Apostasie, wie es die Lefebvrianer behaupten, sondern ein zentrales Thema der Kirche und des II. Vatikanischen Konzils. Ökumene als Wille zur Einheit unter den Christen ist Vollzug des eigenen Katholisch-Seins, der eigenen Katholizität. Ökumene ist die Weitung des eigenen Christseins auf reale, eingeholte Katholizität. Sich im Licht des anderen zu erkennen und sich vom anderen befragen zu lassen stärkt und weitet die eigene Position, macht antwort- und beziehungsfähig.
In der Ökumene bringen reine Ideale, bloße Postulate oder auch Beschwörungsformeln nicht weiter. Unsere konkreten Kirchen, auch unser ökumenisches Miteinander sind wie die Urgemeinde und die ersten Gemeinden des Paulus eine höchst gemischte Gesellschaft. Da gibt es Behinderungen, Belastungen, Kränkungen und Machtverhältnisse im Miteinander. Da gibt es Machtfragen, Drangsale, Konflikte, Auseinandersetzungen, Eifersucht, Neid, Zu kurz kommen, Kleiderfragen, Ritusstreitigkeiten, Genderthemen, Probleme mit der Gemeindeordnung, mit der Prophetie, Auseinandersetzungen um Ehe und Ehebruch, um Geld und Solidarität, Glaubensfragen usw. Es gibt Tratsch auf dem Areopag (Apg 17,21), dann wird Mut zugesprochen (Apg 16,40), da gibt es das Stärken der Brüder (Apg 18,23). Da ist die Sehnsucht nach Einheit und da sind in der Realität eingeschränkte Beziehungen oder gar Beziehungslosigkeit. Die Verzerrungen und Behinderungen sind bei Paulus Material der Communio. Er rühmt sich seiner Schwächen (2 Kor 12,9; 1 Kor 1,18-31). Es wäre gerade die Herausforderung, mit den Licht- und mit den Schattenseiten, mit den Rosen und Neurosen beziehungsreich umzugehen.
Ökumenischer Konsens und Dissens ziehen sich thematisch quer durch die Konfessionen und kirchlichen Bekenntnisgemeinschaften. Es gibt in jeder Kirche Befürworter des ökumenischen Dialogs, aber auch Gegner, die in der Ökumene einen Sündenfall und Verrat sehen. In bioethischen Fragen verbünden sich freikirchliche, evangelische und katholische Christen. Innerhalb ihrer Kirchen erfahren sie aber auch Widerspruch und Kritik. Unterschiede in dogmatischen Fragen wie zu Amt und Kirche, auch zu Rechtfertigung und Glaube werden inzwischen weniger heftig ausgefochten als widersprüchliche Auffassungen zur Homosexualität. Und in politischen Fragen zum Rechtspopulismus, zu Flucht und Asyl, zu Krieg und Frieden, Wirtschaft und Gerechtigkeit gibt es neue Koalitionen und auch Verwerfungen, die mit den Konfessionsgrenzen oft recht wenig zu tun haben. Einheit und Trennung, Gemeinsamkeit und Gegensätze sind theologischer, spiritueller, politischer, sozialer und kultureller Natur.
Ökumenisch auszuloten gilt es – nicht zuletzt bedingt durch Corona - Fragen zu Kirche(n) und Staat, Glaube und weltliche Obrigkeit, staatbürgerliche Pflichten von Christen, zur Religionsfreiheit, aber auch Fragen der Bioethik (Euthanasiedebatte, Abtreibung, „Triage“ …), Krieg und Frieden. Auch über Verschwörungstheorien, Schuldzuweisungen wird man sich zu unterhalten haben. Gemeinsam stecken wir mittendrin in den Problemen der zunehmenden Arbeitslosigkeit, der wirtschaftlichen und regionalen Entwicklung, der Generationengerechtigkeit, des Klimawandels …
Die bestehende Einheit operativ machen
In allem und vielleicht auch trotz allem gilt ernst zu machen mit der Tatsache, dass wir in der getrennten Christenheit mehr haben, was uns untereinander verbindet als was uns trennt.[8] Josef Ratzinger hatte 1986 die Formulierung gebraucht, man müsse „die bestehende Einheit operativ machen“. Diese Anregung hat eine doppelte Stoßrichtung: Zum einen müssen Unterschiedlichkeiten im Sinne des differenzierten Konsenses miteinander versöhnt werden, also als sich nicht gegenseitig ausschließende, wohl aber komplementär ergänzende Aspekte der gemeinsamen Einsicht in das Mysterium Christi verstanden werden. Dies hat in vorbildlicher Weise die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung“ versucht.
Für die ökumenische Arbeit sind „vertrauensbildende Maßnahmen“ wichtig. Wir müssen damit rechnen, dass es immer wieder durch menschliche Schwäche, Unaufmerksamkeit aber auch durch echte Schuld zu Rückschlägen in der ökumenischen Annäherung kommt. Um solche Phasen durchstehen zu können, bedarf es eines angehäuften Kapitals an Vertrauen, das nicht erst in diesen kritischen Phasen, sondern schon im Voraus zu bilden ist. Zu diesem Vertrauensfundus gehört auch die Bereitschaft, sich freimütig auf Dinge aufmerksam zu machen, die für den ökumenischen Partner belastend sind. Mehr freilich noch gehört dazu, jene Möglichkeiten der Zusammenarbeit und des gemeinsamen Zeugnisses auszuschöpfen, die uns heute schon möglich sind.
Wir müssen ganz von vorne beginnen
Ökumene, das ist gemeinsames Zeugnis: „Vor der ganzen Welt sollen alle Christen ihren Glauben an den einen dreifaltigen Gott, an den Mensch gewordenen Sohn Gottes, unsern Erlöser und Herrn, bekennen und in gemeinsamem Bemühen in gegenseitiger Achtung Zeugnis geben für unsere Hoffnung, die nicht zuschanden wird. Da in heutiger Zeit die Zusammenarbeit im sozialen Bereich sehr weit verbreitet ist, sind alle Menschen ohne Ausnahme zu gemeinsamem Dienst gerufen, erst recht diejenigen, die an Gott glauben, am meisten aber alle Christen.“ (UR 12) Zeugnis im diakonischen, caritativen und auch im politischen Bereich. Denn Ökumene, Christus-Gedächtnis im Geist hat eine zutiefst diakonische, karitative Dimension.
Auf Krieg und Frieden, Gewalt und Feindesliebe sind die konkreten normativen Personen der Religionsgründer, der Offenbarer, der Propheten, der Heiligen zu befragen, und zwar im Hinblick auf die Lehre wie auch im Hinblick auf die Praxis. Ebenso sind kanonische Texte, heilige Bücher und Traditionen im Hinblick auf Gewalt und Frieden zu beleuchten. Zu heben sind die jeweiligen Impulse zu Freiheit, Versöhnung, gewaltfreier Konfliktlösung, Feindesliebe, Frieden und Gerechtigkeit.[9]
Religion, Glaube und Kirchen sind sehr unheilige Allianzen mit Nationen und Ethnien, mit wirtschaftlicher und politischer Macht, mit unterschiedlichen Interessen und Ideologien eingegangen und haben so auch Gewalt, Unterdrückung, Kolonisierung und Krieg mit sanktioniert. Religionen, Kirchen und Glaube haben aber auch zur Zähmung von Gewalt und Aggression, zur Versöhnung zwischen Feinden, zur Überwindung von Hass, Krieg und Unrecht beigetragen. Es wäre fatal, auf die humanisierenden Kräfte der Religionen und Kirchen zu verzichten und die Frieden stiftenden Potentiale z.B. des christlichen Glaubens auf die Seite zu schieben. Religion gehöre zum „kulturellen Potential“, aus dem sich die Integrationskraft der Gesellschaft speise.[10]
Christlich muss uns die Überzeugung eigen sein, „dass Gewalt und Terrorismus im Kontrast zu einem echten religiösen Geist stehen“ (Papst Franziskus). Jeder Rückgriff auf Gewalt und Krieg im Namen Gottes oder der Religion sind zu verurteilen. Gerade in einer ehrlichen Selbstkritik erschließt sich das Frieden stiftende oder zumindest Frieden fördernde Potential des Christentums und anderer Religionen. Auch die traditionelle Friedensbotschaft hat Gewalt nie realitätsfern geleugnet oder überspielt, sondern Gewaltzusammenhänge zu entschleiern, zu beantworten und zu überwinden versucht. In der Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstkorrektur im respektvollen Dialog liegt die eigentliche Friedensbotschaft. In dieser Bereitschaft und Fähigkeit zur Selbstkritik und im wechselseitigen Vergeben können die Religionen, ohne die eigene Gewaltgeschichte zu verleugnen, eine Vorbildfunktion einnehmen. Sie werden dann auch dazu beitragen können, das politische Feld zur Vermeidung wie zur Überwindung gewaltträchtiger Konflikte vorzubereiten.
Einsatz für das Gemeinwohl
„Wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. … Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“ Der evangelische Christ Dietrich Bonhoeffer fragte sich und andere in finsterster Nazi- und Kriegszeit, Ende 1942: „Sind wir noch brauchbar?“[11] Oder sind wir verbraucht und so müde geworden? So diagnostizierte der im Februar 1945 hingerichtete Jesuit Alfred Delp: „Und gerade in den letzten Zeiten hat ein müde gewordener Mensch in der Kirche auch nur den müde gewordenen Menschen gefunden. Der dann noch die Unehrlichkeit beging, seine Müdigkeit hinter frommen Worten und Gebärden zu tarnen.“ (Alfred Delp)
Ebenso „brauchen wir Gläubigen Möglichkeiten zum Gespräch und zum gemeinsamen Einsatz für das Gemeinwohl und die Förderung der Ärmsten. Wir brauchen nicht irgendwelche Abstriche zu machen oder mit unseren eigenen Überzeugungen, die uns viel bedeuten, hinter dem Berg zu halten, um andersdenkenden Menschen begegnen zu können. […] Denn je tiefer, solider und reicher eine Identität ist, desto mehr wird sie andere mit ihrem spezifischen Beitrag bereichern.“[12] Als Gläubige sind wir herausgefordert, zu unseren Quellen zurückzukehren, um uns auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Anbetung Gottes und die Nächstenliebe, damit nicht einige Aspekte unserer Lehren, aus dem Zusammenhang gerissen, am Ende Formen der Verachtung, des Hasses, der Fremdenfeindlichkeit und der Ablehnung des anderen fördern. Die Wahrheit ist, dass Gewalt keinerlei Grundlage in den fundamentalen religiösen Überzeugungen findet, sondern nur in deren Verformungen.
Grundhaltungen[13]
Im ökumenischen Miteinander gilt es den ökumenischen Partner nicht als Konkurrenten, als Gegner oder Feind zu betrachten, sondern als noch getrennten Bruder und Schwester auf der Basis der gemeinsamen Taufe, die uns zu Christen macht, einander sakramental, d.h. in Gottes Kraft verbindet und in die Gemeinschaft der Kirche einbindet, auch wenn diese noch verschieden verstanden wird. Wo evangelische Christen/Kirchen stärker werden, werden Katholiken nicht schwächer, sondern wachsen an Bedeutung, Gewicht und Praxis. Denn es steigt der christlich kirchliche Grundwasserspiegel.
Wichtig ist eine Gesprächskultur, in welcher der ökumenische Partner jeweils zuhören kann und sich verstanden fühlt, in seinem Selbstverständnis ernst genommen be- und geachtet als Subjekt, das selbst entscheidet (nicht über das entschieden wird). Im Dialog entsteht eine Gemeinschaft der Beziehung, des sich Verstehens, der Verbundenheit, auch wenn kein Konsens zustande kommt.
Entscheidend für eine ökumenische Dynamik ist es den ausschließenden Charakter von Katholisch und Evangelisch aufzugeben: weil etwas katholisch ist, ist es damit noch nicht unvereinbar mit evangelisch und somit abzulehnen. Das war das alte abgrenzende und ausgrenzende Paradigma, bei dem die eigene Identität durch Andersheit, nicht durch Gemeinsamkeit oder im Gemeinsamen gesucht wurde. In der Ökumene dürfen wir den jeweils anderen im Lichte Christi sehen. Weil etwas evangelisch ist, ist es damit noch nicht unkatholisch, akatholisch oder antikatholisch. Evangelisches kann sehr wohl katholisch sein. Der gemeinsame Blick auf Christus regelt das Miteinander neu. Da geht es nicht mehr um die Betonung von Gruppenidentitäten oder um Machtspiele. Gegenseitige Annahme ist etwas anderes als gegenseitige Anerkennung. Gegenseitige Annahme eröffnet Verwandlung und relativiert die eigene Position. Ökumene wächst, wenn der Reichtum der Gaben des anderen seine Charismen und Stärken rezipiert werden.
Schließlich: Habe ich einen Freund oder Vertrauten in der anderen Kirche? Dann kann ich nicht mehr in cumulo oder Bausch und Bogen die anderen ablehnen, sondern weiß aus Erfahrung, welche Frucht aus ihrem Glauben, ihrer Gemeinschaft wächst! Dann habe ich jemanden, den ich inoffiziell, vertrauensvoll fragen kann, wenn ich etwas bei den anderen nicht verstehe, wenn mir etwas bei ihnen aufstößt oder mich ärgert oder zum Anstoß wird. Und: Bin ich für jemanden anderen aus einer anderen Kirche eine solche Vertrauensperson in der katholischen Kirche?
Ökumenisches Gebet[14]
Herr, unser Gott, dreifaltige Liebe,
lass aus der Kraft deiner innergöttlichen Gemeinschaft
die geschwisterliche Liebe in uns hineinströmen.
Schenke uns die Liebe, die in den Taten Jesu,
in der Familie von Nazaret und in der Gemeinschaft der ersten Christen aufscheint.
Gib, dass wir Christen das Evangelium leben
und in jedem Menschen Christus sehen können,
dass wir ihn in der Angst der Verlassenen und Vergessenen dieser Welt
als den Gekreuzigten erkennen
und in jedem Bruder, der sich wieder erhebt, als den Auferstanden.
Komm, Heiliger Geist, zeige uns deine Schönheit,
die in allen Völkern der Erde aufscheint,
damit wir entdecken, dass sie alle wichtig sind,
dass alle notwendig sind, dass sie verschiedene Gesichter
der einen Menschheit sind, die du liebst. Amen.
[1] Abraham Joshua Heschel, Keine Religion ist ein Eiland (1965), in: Christentum aus jüdischer Sicht. Fünf jüdische Denker des 20. Jahrhunderts über das Christentum und sein Verhältnis zum Judentum, hg. von Fritz A. Rothschild, Berlin/ Düsseldorf 1998, 324-341, hier 326.
[2] Henri de Lubac, Glauben aus der Liebe. Catholicisme. Einsiedeln 31992, 263; vgl. Roman Siebenrock, Identität als Weite. Die Idee der Katholizität nach Henri de Lubacs „Catholicisme“ (1938) in einer ratlosen Zeit - eine Relecture, in: Peter Reifenberg (Hg.), Gott für die Welt. Henri de Lubac, Gustav Siewerth und Hans Urs von Balthasar in ihren Grundanliegen. Festschrift für Walter Seidel. Mainz 2001, 56 – 72.
[3] Johann Baptist Metz, Zum Begriff der neuen Politischen Theologie 1967-1997, Mainz 1997, 120.
[4] Tiemo R. Peters, Johann Baptist Metz. Theologie des vermissten Gottes, Mainz 1998,114-124.
[5] Josef Freitag, Katholizität als Lernprinzip. Manuskript der Antrittsvorlesung in Erfurt vom 31. Mai 2001.
[6] Immanuel Kant, Über Pädagogik (WW in 10 Bänden, hg. von W. Weischedel, Bd. 10/2: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik), Darmstadt 1983, 691-761.
[7] Papst Franziskus, Enzyklika Fratelli tutti über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft, Assisi 3. Oktober 2020, Nr. 280 mit Zitat aus: Gemeinsame Erklärung des Heiligen Vaters Papst Franziskus und des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I., Jerusalem (25. Mai 2014), 5: LʼOsservatore Romano (dt.), Jg. 44 (2014), Nr. 22 (30. Mai 2014), S. 16;
[8] Johannes Paul II., Ut unum sint (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz Nr. 121) Bonn 1995, Nr. 22.
[9] Pontifical Council for Interreligious Dilogue (ed.), Spiritual Resources of the Religions for peace. Exploring the sacred texts in promotion of peace, Vatican City 2003.
[10] Jürgen Habermas, Revolution, Frankfurt a. M. 1990, 87.
[11] Dietrich Bonhoeffer, Gedanken zum Tauftag von D.W.R. (Mai 1944), in: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Hg. Christian Gremmels – Eberhard Bethge – Renate Bethge. Werke 8, Gütersloh 1998, 435f.
[12] Apostolisches Schreiben Querida Amazonia (2. Februar 2020), 106; Papst Franziskus, Enzyklika Fratelli tutti über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft, Assisi 3. Oktober 2020, Nr. 282.
[13] Dekret über den Ökumenismus „Unitatis redindegratio“ Nr. 8, in: Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil, hg. von Peter Hünermann und Bernd Jochen Hilberath, Bd. 1, Freiburg – Basel – Wien 2005, 211-241; vgl. Johannes Paul II., Ut unum sint Nr. 35 (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz Nr. 121) Bonn 1995; Vgl. Burkhart Neumann, Nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat. Bausteine zu einer Spiritualität der Ökumene, in: GuL 2003, 192-196.
[14] Papst Franziskus, Enzyklika Fratelli tutti über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft, Assisi 3. Oktober 2020, Nr. 287 (Schluss)
