Dialog-Expertin: Nicht über, sondern mit Juden lernen

Den "Tag des Judentums", den die Kirchen in Österreich jedes Jahr am 17. Jänner begehen, gilt es zu nutzen, um die Beziehungen zwischen Christen und Juden im Land zu vertiefen und zu stärken. Das betont die jüdische Politikwissenschafterin Jasmine Freyer in einem Gastkommentar in der aktuellen Ausgabe der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag". Dabei wäre es ratsam, rund um den "Tag des Judentums" und darüber hinaus nicht ausschließlich über, sondern mit Jüdinnen und Juden zu lernen, so Freyer.
Durch Institutionen wie zum Beispiel das Jüdische Institut für Erwachsenenbildung (JIFE), das Jugend-Dialog-Programm "Likrat", den Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit sowie durch Onlineformate sei ein solcher Austausch möglich.
Freyer ist seit fast 20 Jahren Mitglied des Kultusvorstandes der Israelitischen Kultusgemeinde Wien sowie auch kooptiertes Vorstandsmitglied im Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Ihre Botschaft: "Einen respektvollen Zugang zueinander wahren, voneinander lernen und füreinander da sein, um eine friedliche Zukunft in Österreich und weltweit zu gestalten."
Dialog, Bildung und Respekt seien die drei Hauptpfeiler, auf denen die Begegnung zwischen Christentum und Judentum basieren sollte, zeigte sich die IKG-Vertreterin überzeugt. Die Wurzeln des Christentums seien im Judentum zu finden: "Jesus, Maria und Josef sowie die Apostel waren Juden und lebten nach jüdischer Tradition."
Gerade in Zeiten des wieder zunehmenden Antisemitismus sei es daher essenziell, "dass sich Christinnen und Christen dieser Wurzeln bewusst sind, um ihm zu entgegnen". Reisen nach Israel, Studium an einer israelischen Universität oder dortige Volontariate sind dafür laut Freyer bestens geeignet: "Wien und Tel-Aviv liegen nur 3,5 Flugstunden voneinander entfernt."
Die Geschichte des Christentums habe gezeigt, was geschieht, wenn über Jahrhunderte Unwissenheit, Hass und Feigheit im religiösen und gesellschaftlichen Denken gegenüber Jüdinnen und Juden dominieren: Gettoisierung, Vertreibung und Mord. Der Judenhass habe schließlich in der Shoah gegipfelt, der millionenfachen Tötung von unschuldigen Menschen. Als Jüdin habe sie sich deshalb schon seit ihrer Jugend für den interreligiösen Dialog eingesetzt, um Vorurteile abzubauen oder gar nicht erst entstehen zu lassen, so Freyer.
Besonders gefreut habe es sie auch, als sie unlängst auf einer Chanukka-Veranstaltung am Wiener Judenplatz erlebt habe, dass auch viele Menschen anderer Religionen anwesend waren. Sie deute das als Zeichen der Solidarität.
Quelle: kathpress
