Petrosyan: Solidaritätsaufruf für Christen in Armenien und Nahost

Zur Solidarität mit den Christinnen und Christen in Armenien ruft der Wiener armenische Bischof Tiran Petrosyan auf. Zugleich zeigt er sich zutiefst besorgt über die Lage im Nahen Osten, die unter anderem auch die christliche Minderheit vor Ort in ihrer Existenz bedroht. Petrosyan äußert sich in einem Grußwort in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Information christlicher Orient" (ICO).
Das armenische Volk habe in den vergangenen Jahren schweres Leid erfahren, schreibt Petrosyan. Nach der gewaltsamen Vertreibung der gesamten armenischen Bevölkerung aus Bergkarabach stünden zehntausende Familien in Armenien vor der Aufgabe, ihr Leben neu aufzubauen. "Sie brauchen Wohnraum, Arbeit und Bildung, vor allem aber die Gewissheit, nicht vergessen zu sein", erklärt der Bischof. Die Armenisch-apostolische Kirche begleitet diese Menschen mit seelsorglicher Fürsorge und konkreter Hilfe, doch die Herausforderungen bleiben groß. "Unsere Schwestern und Brüder brauchen die Solidarität der weltweiten christlichen Gemeinschaft", so Bischof Petrosyan.
Die Armenisch-apostolische Kirche bzw. ihre Kirchenleitung steht derzeit in Armenien schwer unter Druck. Anfang August begann in Armenien der Strafprozess gegen das Kirchenoberhaupt Katholikos Karekin II. und weitere Bischöfe. Ihnen wird vorgeworfen, gegen eine gerichtliche Anordnung zur Wiedereinsetzung eines von der Kirche abgesetzten Bischofs verstoßen zu haben. Es drohen Geldstrafen oder bis zu zwei Jahre Haft. Der Prozess geriet allerdings bereits zum Auftakt ins Stocken: Der Vorsitzende Richter erklärte sich für befangen. Wann die Verhandlung fortgesetzt wird, ist unklar. Dieser Tage hat die armenische Regierung unter Ministerpräsident Nikol Paschinjan zudem die Absetzung des Katholikos offiziell in ihr Regierungsprogramm aufgenommen.
Sowohl hinter dem Justizverfahren als auch der Regierungserklärung steht ein Machtkampf zwischen Paschinjan und Karekin. Für Paschinjan ist Karekin II. ein "Agent Russlands"; das Kirchenoberhaupt wehrt sich vehement gegen diese Behauptung. Er wirft seinerseits der Regierung vor, die nationale Einheit Armeniens für kurzfristige politische Interessen zu gefährden und sich etwa nicht vehement genug für die Bewahrung des christlich-armenischen Erbes in Berg-Karabach einzusetzen, das 2023 von Aserbaidschan erobert wurde. Die gesamte armenische Bevölkerung, mehr als 100.000 Menschen, mussten damals fliehen. In der Region werden seither Kirchen und weitere christliche Kulturgüter systematisch zerstört, so die armenische Kirchenleitung und viele weitere internationale Organisationen.
Sorge um Nahost-Christen
In seinem ICO-Gastkommentar sorgt sich Bischof Petrosyan auch sehr um die Christen im Nahen Osten. Diese lebten vielfach unter den Folgen von Krieg, Unsicherheit und wirtschaftlicher Not. Petrosyan: "Viele Familien sehen sich gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Mit jeder christlichen Gemeinde, die verschwindet, verliert diese Region einen Teil ihrer reichen geistlichen und kulturellen Tradition." Umso wichtiger sei es, "dass wir ihre Stimme hören, ihre Hoffnung teilen und sie im Gebet wie auch durch konkrete Hilfe begleiten".
In Österreich könnten die armenischen Christen ihren Glauben in Freiheit leben. "Dafür sind wir dankbar. Die Armenische Kirche und ihre Gläubigen sind heute ein lebendiger Teil der österreichischen Gesellschaft. Sie bringen ihre Geschichte, ihren Glauben und ihre Kultur ein und übernehmen Verantwortung im kirchlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben."
Zugleich verstünden sich die armenischen Gemeinden in Österreich als Brücken der Begegnung - "zwischen Ost und West, zwischen unterschiedlichen christlichen Traditionen und zwischen Österreich und dem armenischen Volk".
In Österreich leben bis zu 7.000 armenische Christinnen und Christen, davon ca. 3.000 in Wien. Kleine armenische Gemeinden gibt es neben Wien auch noch in Linz, Graz, Bregenz, Klagenfurt und Salzburg.
Eindringlich appelliert Petrosyan auch zur ökumenischen Zusammenarbeit: "Gemeinsam mit den Kirchen unseres Landes wollen wir Zeugnis für das Evangelium geben und Verantwortung für jene übernehmen, die unter Krieg, Vertreibung und Ungerechtigkeit leiden." Der armenisch-apostolische Bischof ist aktuell auch Vorsitzender des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ).
Lob gibt es vom Bischof für das Hilfswerk "Initiative Christlicher Orient", die das ICO-Magazin herausgibt. Die ICO verbinde auf vorbildliche Weise konkrete Hilfe, fundierte Information und das gemeinsame Gebet. Gerade diese Einheit mache christliche Solidarität glaubwürdig.
Quelle: kathpress
