Christlich-jüdische Verständigung: Hillel-Award 2026 vergeben

In Wien wurde am Mittwochabend zum zweiten Mal der "Hillel-Award" vergeben. Prämiert wurden im Rahmen einer Feierstunde in der Zwi Perez Chajes Schule herausragende vorwissenschaftliche Arbeiten von Schülerinnen und Schülern. Der vom Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit vergebene und mit 1.200 Euro dotierte Preis soll junge Menschen dazu ermutigen, sich intensiver mit der Thematik jüdischen Lebens in Österreich zu befassen und sich verstärkt gegen Antisemitismus einzusetzen, so der Tenor des Abends.
Grußworte kamen von Ministerin Claudia Bauer, der Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Regina Polak, Bischof Tiran Petrosyan, dem Vorsitzenden des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), und der IKG-Bildungsbeauftragten Natalie Neubauer.
Drei Arbeiten wurden ausgezeichnet: Katharina Marie Longer vom Bischöflichen Gymnasium St. Ursula in Klagenfurt schrieb über "Die israelische Siedlungspolitik. Eine politische und rechtliche Betrachtung", David Zvi Sudwarts von der Wiener Zwi Perez Chajes Schule beschäftigte sich mit dem Thema "Die Positionen der UNO im Nahostkonflikt unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklungen seit dem 7. Oktober 2023. Einseitige Parteinahme der Vereinten Nationen oder eine sinnvolle Vermittlerrolle?" Jonathan Unger vom BRG Baden Biondekgasse schrieb zum Thema "The Instrumentalization of Holocaust Memory in the United States of America Analysis of American Holocaust Perceptions".
Für zwei Arbeiten gab es Ehrungen: für Amit Sharon vom Wiener Oberstufenrealgymnasium Rudolf Steiner (Thema: "Die Entwicklung jüdischer Identität zwischen Religion, Diaspora und dem Staat Israel. Historische Bewegungen jüdischer Gesellschaften) und für Abigal-Ajala Yakopow vom Zwi-Perez-Chajes-Gymnasium ("Der Mossad und der Fall-Eichmann. Historische Realität im Vergleich zum Film "The Eichmann Show")
Natalie Neubauer begrüßte namens der IKG-Wien die Festversammlung. Wegen der Renovierung des Stadtempels stand das IKG-Gemeindezentrum nicht zur Verfügung. Sie würde sich freuen, so die Vorsitzende der IKG-Wien Kommission für das Bildungswesen, wenn aus der Not eine Tugend gemacht und die Zwi Perez Chajes Schule als Veranstaltungsort für den Hillel-Award zur festen Tradition wird.
Respekt, Verständnis, Dialog
Der Hillel-Award sei etwas Besonderes, so Bischof Tiran Petrosyan, der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) in seinem Grußwort. Der Preis "bringt Menschen zusammen und zeigt, wie wichtig Respekt, Verständnis und Dialog zwischen Religionen und Kulturen sind".
Die ausgezeichneten Abschluss- und Diplomarbeiten zeigten eindrucksvoll, "dass junge Menschen bereit sind, sich mit jüdischem Leben, mit Geschichte und mit den christlich-jüdischen Beziehungen auseinanderzusetzen". Das verdiene großen Respekt und Anerkennung. Aber Wissen allein sei nicht genug. Wichtig sei, was daraus entsteht: "Verständnis, Begegnung und Menschlichkeit."
Der Dialog zwischen Juden und Christen habe in Europa keine einfache Geschichte gehabt. Gerade deshalb sei es heute so wichtig, "gemeinsam an einer Zukunft zu arbeiten, die von Respekt, Vertrauen und echter Freundschaft geprägt ist".
Petrosyan: "Als Religionsgemeinschaften tragen wir gemeinsam Verantwortung - für Frieden, Würde und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Dialog darf nicht nur bei Veranstaltungen stattfinden. Er muss im Alltag gelebt werden: in unseren Gemeinden, in den Schulen und in unseren Familien."
An die Preisträgerinnen und Preisträger gewandt, fügte der Bischof hinzu: "Sie machen uns Hoffnung. Sie zeigen, dass die Zukunft besser wird, wenn Menschen offen miteinander sprechen und einander mit Respekt begegnen."
Geschichte der Zwi Perez Chajes Schule
Als Präsidentin des Koordinierungsausschuss-Präsidentin Polak ging in ihrem Grußwort auf den Ort der Preisverleihung ein: die Zwi Perez Chajes Schule. Mit der Preisverleihung sei man einen Abend lang in die aufregende und schwierige Geschichte des Gründers dieser Schule wie auch der Schule selbst hineingenommen, die auch ein Spiegelbild der Geschichte des Judentums im 20. Jahrhundert darstellt.
Hirsch (auch Zwi) Perez Chajes, 1876 in Brody in Galizien geboren, entstammte einer Gelehrten- und Kaufmannsfamilie, unter deren Mitgliedern sich seit wenigstens 13 Generationen Rabbiner befunden hatten. Der 1881 und 1882 in die Grenzstadt Brody massenhaft einsetzende Strom von Juden, die vor den russischen Pogromen flüchteten, hinterließ bei dem damals 6-jährigen einen solch starken Eindruck, dass ihn das Schicksal seines Volkes nie mehr loslassen sollte. Als Oberrabbiner von Wien, Politiker, Pädagoge und Schulpionier seien ihm das Gelingen des Aufbauwerkes in Palästina, das Wiedererstarken einer schöpferischen jüdischen Kultur und das Beherrschen des Hebräischen zeitlebens zentrale Anliegen gewesen, erinnerte Polak.
1919 gründete Chajes in der Drahtgasse 4 im Ersten Bezirk das erste jüdische Realgymnasium, eine koedukative Schule, in der 122 Mädchen und Buben eine profunde humanistische Ausbildung erhielten und in Deutsch, der Hebräischen Sprache, jüdischer Geschichte und Religion unterrichtet wurden. Nach mehreren Umzügen sei 1938 nach dem sogenannten "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich die letzte Matura abgehalten worden. Polak zitierte den damaligen Direktor der Schule, Viktor Kellner, der sich mit folgenden Worten an die Schülerinnen und Schüler wandte: "Ich weiß nicht, welche Zukunft ihr vor Euch habt. Aber eines kann ich Euch mit Sicherheit sagen: Man wird länger Schema Israel als Heil Hitler sagen."
Im Oktober 1939 schlossen die Nationalsozialisten das Chajes-Gymnasium. Bis 1941 fanden in der Castellezgasse noch eine Form des Volks- und Hauptschulunterrichtes sowie Vorbereitungskurse zur Auswanderung nach Palästina statt für schulpflichtige Kinder, die nach den "Nürnberger Rassegesetzen" als Juden deklariert wurden. Danach diente das Haus bis 1945 als Sammellager für Juden zum Transport in Konzentrationslager.
1976 vereinbarten jüdische Familien die Wiedererrichtung einer neuen Bildungsstätte, die 1984 in die Eröffnung der Zwi Perez Chajes Schule in der Castellezgasse 5 mündete. Da diese dank eines enormen Zustroms bald aus allen Nähten platzte, wurde 2004 der Bau eines neuen Gebäudes beschlossen: am Simon-Wiesenthalplatz entstand der damals modernste Bildungscampus Wiens. Im Oktober 2008 zog die Zwi Perez Chajes Schule ein. Heute besuchen knapp 500 Kinder die Schule "und leben jüdische Gemeinschaft von der Krabbelstube bis zur Matura", so Polak.
Ihr Fazit: Diese Geschichte zeige "in ebenso beeindruckender wie bedrückender Weise sowohl die hohe Bedeutung, die Lernen und Bildung für das Judentum haben, wie auch die ständige Bedrohung jüdischen Lebens und den mutigen und unermüdlichen Einsatz von Juden und Jüdinnen für den Wert der Bildung".
Bauer: Verantwortung übernehmen
Ministerin Bauer bezeichnete den Hillel-Award in einem zugespielten Video als wichtige Motivation für junge Menschen, sich mit dem "christlich-jüdischen Miteinander" zu beschäftigen. - "Kritisch, wissenschaftlich und vor allem neugierig." Österreich wäre nicht Österreich ohne Christentum und Judentum. "Beide haben dieses Land geformt, seine Kultur, sein Denken, seine Geschichte", so Bauer wörtlich.
Es sei wichtig, sich dessen stets bewusst zu sein. Sich mit Geschichte und Glauben auseinanderzusetzen, sei der erste Schritt, um Verantwortung für das Miteinander in der Gesellschaft zu übernehmen. Hillel stehe für das, was Christen und Juden verbindet: die Goldene Regel. "Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst." - Das sei eine Richtschnur für das Leben, "die so simpel, so zeitlos und auch so universal ist, dass sie uns zusammenführt", so die Ministerin.
"Hillel der Ältere"
Namensgeber des Awards ist der legendäre jüdische Tora-Gelehrte "Hillel der Ältere" aus dem ersten Jahrhundert vor der Zeitrechnung. Er galt als sanftmütig und geduldig. Im Talmud wird berichtet, dass er den Kern der Tora in einem Satz zusammengefasst hat. Er entspricht der sogenannten "Goldenen Regel": "Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht an." Und er fügte hinzu: "Das ist die ganze Tora. Alles andere sind Hinzufügungen. Geh und lern sie!"
Der "Hillel Award" wird jährlich vom Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit vergeben.
(Infos: www.christenundjuden.org)
Quelle: kathpress

