ÖRKÖ-Dokumente Ökumenischer Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ)

Gemeinsames Wort des Ökumenischen Rates der Kirchen in der Tschechischen Republik und des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich

Am 14. und 15. Oktober 2002 trafen sich Vertreter beider Räte in Prag. Die Begegnung war eingebettet in das gemeinsame Hören auf das Wort Gottes und das gemeinsame Gebet. Sie fand statt im Geiste der Charta Oecumenica, welche Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen in Europa aufzeigt. Dort heisst es: "Die Vielfalt der regionalen, nationalen, kulturellen und religiösen Traditionen betrachten wir als Reichtum Europas. Angesichts zahlreicher Konflikte ist es Aufgabe der Kirchen, miteinander den Dienst der Versöhnung auch für Völker und Kulturen wahrzunehmen. … Wir engagieren uns für eine Friedensordnung auf der Grundlage gewaltfreier Konfliktlösungen."

Bei dieser Begegnung wurde erinnert an die reiche gemeinsame Geschichte und an die gegenseitige Befruchtung und Bereicherung durch die Jahrhunderte. Zugleich war die Geschichte der Verletzungen, des Leides und der Schuld gegenwärtig.

Das schmerzlichste Problem heute zwischen beiden Völkern ist das Schicksal der tschechischen Bevölkerung unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und die Vertreibung der deutschsprachigen Bewohner als Folge davon.

Wir haben erkannt, dass diese Ereignisse tiefe Wunden und bleibende Verluste für beide Völker bis heute bedeuten: durch die begangene Schuld den Verlust an Reichtum der Kultur und inspirierender Herausforderung auf der einen, und den Verlust von Heimat, Gut und oft auch Leben auf der anderen Seite.

Wir bedauern zutiefst, dass diese Geschichte bis heute die Quelle von Hass, Angst und Unversöhntheit ist. Zugleich sind wir der tiefen Überzeugung, dass nur ein Erkennen und Benennen der jeweiligen Schuld die Kette der Schuldverflochtenheit lösen und einen Weg zur Versöhnung öffnen kann.

Dankbar haben wir unsere Begegnung angesichts des bevorstehenden Beitritts der Tschechischen Republik in die EU als einen Schritt auf diesem Weg erfahren und uns als Bürgerinnen und Bürger des gemeinsamen Europa erlebt. Wir sagen Ja zu einer offenen Tür zwischen unseren Völkern und Ja zu unserer gemeinsamen Zukunft. Wir sind dankbar für die viefältigen Begegnungen, die schon jetzt zwischen Tschechen, Deutschen und Österreichern stattfinden als Anfang einer praktischen Aufarbeitung der Geschichte.

Diese Begegnung ermutigt und verpflichtet uns, dass unsere Kirchen weitere Schritte setzen. Wir wollen:

- Sauerteig sein in der Gesellschaft zur Versöhnung in Europa,
- die gemeinsame Geschichte gemeinsam schreiben,
- sachgemässe Information geben und damit einer Vergiftung des Klimas widerstehen,
- Angst abbauen und Vertrauen aufbauen in unsere gemeinsame Zukunft,

Für die 11 Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen in der Tschechischen Republik

Bischof Vladislav Volný

Für die 14 Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich

Christine Gleixner, FvB

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