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Ökumenischer
Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) |
| < START | Vom Erinnern und Vergessen – Annäherungen an Armenien |
Heinz Nußbaumer, Referat am 23. 4.2005 im Festsaal des Amtshauses 1030 Wien Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es heißt, zu den wichtigsten Berufsvoraussetzungen jedes Journalisten gehören zwei Tugenden: Mut – und Demut. - Mut, die Dinge zu benennen, die man als wahr und wichtig erkannt hat – ungeachtet möglicher Reaktionen. - Und Demut, seine eigene Meinung nie ganz absolut zu setzen. Immer mit der Möglichkeit zu rechnen, nicht alle Facetten der Wahrheit, alle Für und Wider zu kennen. Und zu akzeptieren, dass andere Menschen – aus welchen Gründen auch immer - in einer anderen Wahrheit leben. Das Thema, um das es heute geht – das Schicksal des armenischen Volkes – ist seltsamerweise noch immer eine Herausforderung an Mut und Demut. - Mut, weil selbst im freien, demokratischen, rechtsstaatlichen
Europa die Frage nach der politischen Zweckmäßigkeit, das historische
Drama der Armenier offen zu benennen, immer wieder neu gestellt wird.
Noch immer gilt das Schweigen, die blockierte Erinnerung, als die bessere
Lösung. Und Demut auch deshalb, weil ich selbst ein Geständnis an den Beginn meiner Ausführungen stellen möchte: Mehr als die überwältigende Mehrzahl der Österreicher hätte ich im Lauf meines beruflichen Lebens – als außenpolitischer Journalist, als Begleiter zweier Bundespräsidenten, als Vielreisender, Viellesender, Vielhörender – die Möglichkeit gehabt, das Drama des armenischen Volkes (und mit ihnen der 500.000 assyrischen Christen) kennen zu lernen. Und doch bin ich erst in den vergangenen Wochen – bei der Vorbereitung dieses Abends – über die bloße Oberflächlichkeit hinaus in die unglaubliche Tiefe des Schreckens und Entsetzens hinuntergestiegen – in eine Szenerie, die mittelalterlichen Höllenvisionen entsprungen zu sein scheinen. „Mögen andere von ihrer Schande reden, ich rede von der meinen“, hat Bert Brecht einmal geschrieben. Ich nehme dieses Wort gerne auf mich – und frage mich zugleich, woran es wohl lag, dass ich – auch ich - bei aller Kenntnis so vieler anderer Vertreibungs- und Ausrottungsgeschichten dieses 20. Jahrhunderts - gerade die armenische Tragödie so spät fester ins Blickfeld bekommen habe. Einige der Fragen – und der persönlichen Erfahrungen - der vergangenen Wochen scheinen mir dafür so symptomatisch, dass ich sie mit Ihnen teilen möchte: Ich stehe zuhause vor meinen dichtgefüllten Bücherregalen – Tausende Bände, die – so scheint es – miteinander das Schicksal der ganzen Menschheit umschließen. Und doch: Erst nach langem Suchen finde ich zwei Bücher, nicht mehr, die vom Opfergang der Armenier erzählen. Bei meiner Suche stoße ich auf einen Forschungsbericht über die großen Menschenrechts- und Minderheitenprobleme rund um den Globus. Fünf dicke Bände - gezählte 92 Fallbeispiele aus dem vergangenen Jahrhundert. Seltsam: Armenien kommt überhaupt nicht vor. Ich wühle in Landkarten – und frage mich, warum ich, der Weltreisende, nie dort war, wo ein Volk verschwunden ist – und auch nicht dort, wo es unter ganz neuen, bescheidenen und sicher auch tragischen Vorzeichen wieder erstanden ist? Hat es mich nicht interessiert? Hat die geopolitische Randlage das Drama begünstigt? Habe ich unbewusst vermutet, dass es auch die Leser nicht interessiert – und, wer weiß, vielleicht auch die Politik von heute nicht? Ich überprüfe die Besucherlisten, die während meiner Jahre in der Hofburg – immerhin ein Jahrzehnt – zu Gast waren und entdecke: Da war kein Vertreter Armeniens – keiner aus dem alten, keiner aus dem neuen Siedlungsgebiet – und keiner aus der Diaspora. Wie war das gekommen? Irgendwann bitte ich besonders erfahrene Freunde
um Hilfe – auf der Suche nach dem „betrogenen Volk“
- wie der große Entdecker Fritjof Nansens, einst Flüchtlingskommissar
des Völkerbundes, die Armenier genannt hatte. Ich frage sie: Wie
konnte das geschehen: So viele Hunderttausende Menschen, das älteste
christliche Volk der Welt – vertrieben, vernichtet, die Täter
ungeschoren, die Opfer ungesühnt, die Überlebenden dann auch
noch politisch hintergangen und im Stich gelassen – und zu alledem
die Spuren verwischt? Bei meiner Suche fällt irgendwann ein erstes Licht in die Dunkelheit. Ein früherer UNO-Generalsekretär aus Österreich sucht für mich - und findet in seinen Akten endlich einen Beschluss der Völkergemeinschaft zur armenischen Tragödie aus dem Jahr 1985. Nein, nicht im großen Rund der Generalversammlung beschlossen – und auch nicht im Weltsicherheitsrat, dem Klub der Machthaber. Sondern, ganz bescheiden, in einem Unterausschuss der UNO-Menschenrechtskommission zur Verhütung und Diskriminierung und zum Schutz von Minderheiten. Hier wird – neben acht anderen Beispielen – der Massentod von 1915 an den Armeniern zumindest erwähnt. Auch befreundete Geistliche suchen für mich – und finden zumindest einen Beschluss des Weltkirchenrates von 1985. Und auch in den Klubs der österreichischen Parteien lagern Berichte und Verurteilungen der Armenien-Massaker von rund zwei Dutzend Volksvertretungen weltweit – nicht gerade viel bei über 140 Staaten. Länder wie Österreich, aber auch Amerika und viele, viele andere sind nicht darunter; nicht einmal Israel, das besser als alle anderen weiß, was der Massenmord an einem Volk heißt. Nur in Frankreich mit seiner starken armenischen Diaspora ist die Leugnung des Völkermords verboten. Erlauben Sie mir, noch ein Wort zu Österreich hinzuzufügen: Wer mitverfolgt hat, welche Parteien vor fünf Jahren für oder gegen einen Parlamentsbeschluss zum armenischen Völkermord argumentiert hatten – und diese Meinungen dann mit den aktuellen Wortmeldungen vergleicht, der spürt, wie sehr sich die Armenier schon wieder in der Geiselhaft tagespolitischer Opportunität befinden – jetzt als Werkzeug für oder gegen einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union. Doch davon später. Auch einen früheren Vizekanzler - Europäer durch und durch – frage ich nach der Aufarbeitung der armenischen Tragödie. „Kein Ruhmesblatt für Europa“ sagt er – und erzählt, wie das Land Brandenburg als erstes deutsches Bundesland zuletzt den „Genozid an der armenischen Bevölkerung Kleinasiens“ in seinen Geschichts-Lehrplan aufnahm – um ihn unter massivem türkischen Druck wieder herauszustreichen – und im Sturm der endlich erwachten öffentlichen Entrüstung schließlich wieder hineinzuschreiben. Irgendwo lese ich auch vom jüngsten Erfolg des Umweltministers in Ankara: Bis an die Grenzen der Türkei heißt eine heimische Fuchsart auch unter Wissenschaftlern nicht mehr „Vulpes vulpes kurdistanica“ – und eine Schafsorte nicht mehr „ovis Armeniana“, sondern „ovis orientalis anatolicus“. Denn, so sagt der Minister stolz: „Der Fuchs ist ja unser Fuchs – und das Schaf ist unser Schaf“... Dann ist da noch der Film „Ararat“, den der kanadisch-armenische Regisseur Atom Egoyan im Jahr 2003 drehte. Nicht um Polemik, nicht um Aufrechnen oder gar um Rache ging es ihm; nicht einmal um Lüge und Wahrheit, sondern um die Gefühle, um die Trauer, die bis heute wach geblieben ist. Ein zarter, sensibler Film. Für den Kulturminister in Ankara aber ist es ein „ästhetisch ekelerregender Propagandafilm“ – und viele Kinos in Europa, die sich Ärger ersparen wollen, streichen ihn prompt aus ihrem Programm. Und da ist auch der Roman „Schnee“ des türkischen Dichters Orhan Pamuk. In einem Interview sagt der Autor im Vorjahr tapfer, man habe in seiner Heimat 30.000 Kurden und eine Millionen Armenier umgebracht. Prompt erhält er Morddrohungen und muss seine Lesereise durch Deutschland absagen. Zuhause in der anatolischen Provinz ordnet ein Politiker die Vernichtung aller Werke Pamuks an – „aus Notwehr gegen haltlose Verleumdungen“. Eine Fleißaufgabe übrigens – denn in den öffentlichen Bibliotheken des ganzen Bezirks findet sich trotz intensiver Suche ohnedies keines seiner Werke. Und endlich bin ich auf meiner Suche dann dort, wo die Fakten zuhause sind: Bei den grauenvollen Schilderungen des deutschen Arztes ohannes Lepsius und den Bildern und Texten des Dichters und Sanitätsoffiziers Armin Wegner, den Büchern von Artem Ohandjanian und Tessa Hofmann. Jetzt erst wird mir bewusst, wie weit gespannt die Frage nach der Verantwortung und Schuld von damals ist. Dass sie auch mit Deutschland und Österreich-Ungarn, mit Bündnistreue, Militärzensur und Wegschauen, mit unterlassener Hilfeleistung und einem fast völligen Versagen christlicher Nächstenhilfe zu tun hat. Dass die deutschen und österreichisch-ungarischen Diplomaten ganz genau wussten, welche menschliche Katastrophe sich in den anatolischen Weiten ereignete, steht heute außer Zweifel. Wilhelm Lepsius war der erste, der diese Mitschuld in einem ebenso schrecklichen wie weitsichtigen Satz zusammenfasste: Verbittert schrieb er: „Niemand anders hat die furchtbare Vernichtung des armenischen Volkes herbeigeführt als die Politik der christlichen Großmächte selbst“. Meine Damen und Herren, - Die erste stammt von Nazim Bey, einem der großen Ideologen der jungtürkischen Bewegung. Er drängte 1915 darauf – und ich zitiere: „das armenische Volk vollständig auszurotten, sodass kein einziger Armenier auf unserer Erde übrigbleibt und der Begriff Armenien ausgelöscht wird.“ - Die zweite Wortmeldung gebührt dem prophetischen Schriftsteller Franz Werfel, um dessen verlassene Villa am Salzburger Kapuzinerberg wir als Kinder noch Verstecken gespielt hatten. Weit früher als die anderen hatte Werfel die grauenvolle Parallelität des armenischen und des kommenden jüdischen Schicksals erkannt und 1933 in seinem Roman „40 Tagen des Musa Dagh“ spürbar gemacht. Hier schreibt er: „Den Armeniern winkte kein Schutz, keine Hilfe, keine Hoffnung. Sie waren keinem Feinde in die Hände gefallen, der aus Gründen der Gegenseitigkeit das Völkerrecht achten musste. Sie waren einem weit schrecklicheren, einem ganz ungebundenen Feind in die Hände gefallen: dem eigenen Staat“. - Mein drittes Zitat hat der rebellische französische Schriftsteller Victor Hugo schon ein halbes Jahrhundert vor der armenischen Tragödie in sein Tagebuch geschrieben: „Einen Menschen zu ermorden ist ein Verbrechen - ein ganzes Volk zu ermorden, ist eine Streitfrage“ Meine Damen und Herren, - Ich erinnere an die bitteren Auseinandersetzung,
bis wir Österreicher uns selbst der dunkelsten Stunden unserer Geschichte
gestellt haben. Mehr und mehr wird der „rote Faden deutlich, der sich durch die Tragödien des vergangene 20. Jahrhundert zieht – ein Jahrhundert , das von einer fast durchgängigen Umsiedlungs- und Vertreibungsgeschichte beherrscht wurde. Es gibt fast keine europäische Nation oder Volksgruppe, die nicht zu irgendeinem Zeitpunkt mit diesem furchtbaren Phänomen konfrontiert wurde. Den Historikern erscheint das vergangene Jahrhundert
heute mehr und mehr als eine einzige unauflösliche Passionsgeschichte.
Die Ursache dafür ist offenkundig: Bis tief nach Eurasien hinein
hat dieses Europa in den vergangenen 90 Jahren einen opferreichen Weg
von den alten Vielvölker-Imperien hin zu mehr oder weniger homogenen
Nationalstaaten zurückgelegt. Dieser Prozess ist mit gewaltigen Menschenopfern,
mit Kriegen und furchtbaren Dramen für ungezählte Minderheiten
verbunden. Er begann mit dem armenischen Genozid von 1915 und fand am
Ende des 20. Jahrhunderts in den Schluchten des Balkans seinen grausamen
Abschluss. Es gibt Historiker, die meinen, das armenische Drama
sei dabei weit mehr als nur der grauenvolle Auftakt gewesen. Aus dem,
was damals geschehen und so lange vom Schweigen verdeckt geblieben ist,
hätten die nachfolgenden Diktatoren eine furchtbare Erfahrung abgeleitet:
Die Erfahrung der politischen und organisatorischen „Machbarkeit“
solcher Vertreibungen und Vernichtungen ganzer Völker – auch
im 20. Jahrhundert. Im Rückblick erkennen wir jetzt auch, warum so viel Geschichte – so viele Geschichten - über Flucht und Vertreibung samt ihren menschlichen Dramen und kulturellen Verwüstungen über eine so lange Zeit hinweg nicht die Öffentlichkeit erreicht haben. Es war der Ost-West-Konflikt, der die Zuordnung von Gut und Böse vereist, die Aufarbeitung der Vergangenheit – vor allem innerhalb des eigenen Blocksystems - unterdrückt und das Wachsen der Solidarität mit den Opfern vereitelt hat. Auch unser Blick auf Türken und Armenier hat damit zu tun. Nach dem Jahr 1989, nach der Überwindung des Eisernen Vorhangs, ist eine ganz neue Zeit der Erinnerung angebrochen – und mit ihr erleben wir die Entfesselung all der Erzählungen, die vorher auf dem Altar der Diplomatie und der Machtpolitik geopfert worden waren. Heute wächst das Bewusstsein einer neuen, alle
früheren Grenzen überschreitenden Schicksalsgemeinschaft, in
der vieles so lange Verdrängte, Verwischte und Ungesühnte endlich
zu einer großen europäischen Geschichte zusammenwachsen kann.
Voraussetzung dafür ist freilich die Bereitschaft, nun endlich „in der Wahrheit zu leben“ – und das Ernstnehmen der Toten. Nur das offene Reden hilft, zwischen allen Behauptungen die Wahrheit zu suchen, das Dunkel zu bannen und die Opfer zu sühnen, damit sich das, was geschehen ist, nie mehr wiederholen kann. Ich weiß, dass viele Menschen heute auf den EU-Kandidaten Türkei blicken – und den Umgang dieses großen Landes mit der armenischen Tragödie als Beweis für die mangelnde EU-Reife nehmen. Wer mit einer so großen Lüge lebe, heißt es, der habe den Test auf die demokratische Gesinnung nicht bestanden. Auch der Europarat – und die EU – haben ja den Mut zu historischer Wahrheit zur Bedingung für eine Aufnahme in die Europäische Union gemacht. Wer die Geschichte der Türkischen Republik kennt,
wird ermessen können, wie bitter ein solcher Tabubruch wäre
und die Überwindung des bisherigen Tunnelblicks eines Tages sein
wird. Denn er ist unweigerlich mit dem Eingeständnis verbunden, dass
die Entstehung der türkischen Nation mit der weitgehenden Auslöschung
eines ganzen Volkes erkauft wurde. Mehr noch: Dass über Generationen
hinweg eine falsche, die Opfer entwürdigende Geschichte geschrieben
und verbreitet wurde. So ist jede Heimkehr in die Wahrheit zugleich eine
Vertreibung aus der eigenen Geschichtslegende. Verehrte Zuhörer, Denn die Erfahrung vieler anderer Länder zeigt: Wo Bürger-Freiheiten einmal garantiert und demokratische Rechte eingeräumt werden, da werden sie von den Bürgern über kurz oder lang auch erprobt – und dann auch gelebt. Mit jedem Schritt nach Europa wächst – davon bin ich überzeugt – auch für die Türkei die Chance einer Überprüfung und Neuaneignung der Geschichte. Wächst auch der Raum für Wahrheit, Verantwortung und Solidarität. Wahrscheinlich ist massiver Druck von außen dafür – gerade nach so vielen Jahrzehnten der Verdrängung und Leugnung – kein tauglicher Weg. Die Wahrheit muss von innen wachsen – und ich meine, dass schon an diesem Jahrestag mehr Türken - Intellektuelle vor allem - um den gescheiterten Umgang mit Schuld und Sühne wissen als an jedem Jahrestag vorher. Nur im Öffnen der Archive, im Öffnen der Ohren und der Herzen wird die türkische Seite eine Chance bekommen, auch ihren Argumenten und Einwänden Gewicht zu verschaffen. Noch gibt es keine Sicherheit, wohin der Weg letztlich führen wird. Vieles, was heute Hoffnung macht, ist noch fragil, zaghaft und möglicherweise auch umkehrbar. Wir leben im Übergang – in der Türkei, aber ebenso in Armenien und anderswo. Und wahrscheinlich ist der Gedanke, dass jene anatolischen Politiker, die nach wie vor lieber auf Bücherverbrennen setzen, demnächst Europäer werden sollen, überhaupt nur zu ertragen, weil dann ja auch jene mutigen Türken zu Europa gehören würden, die schon heute angstlos der Erinnerung Gehör verschaffen. Meine Damen und Herren, Und doch heißt die große Frage, vor der wir Menschen des 21. Jahrhunderts stehen: Wie viel Erinnerung ist wichtig und notwendig – aber auch: Wie viel Vergessen ist sinnvoll, ja unumgänglich, um die Zukunft zu meistern? Es ist eine überaus schwierige Frage. Würden wir alles vergessen, was falsch und böse war – eigenes und fremdes -, wir wären keine Menschen. Wir könnten nichts bedenken und nichts lernen. Wir hätten keine Vergangenheit – und keine Zukunft. Umgekehrt gilt aber auch: Würden wir uns tatsächlich an alles Böse erinnern, das auf unserer Geschichte lastet, wir könnten nicht leben. Die Trauer wäre grenzenlos und unstillbar – und der Keim zu immer neuen Tragödien wäre in den noch immer fruchtbaren Boden gelegt. Vergessen zu stiften, galt lange als Gebot der Klugheit und gehört mit zur Kulturgeschichte der Menschheit. Es geht also um das rechte Maß. Wir müssen das vergessen, was uns entzweit – und das behalten, was uns weiterbringt. Was das am Beispiel des armenischen Opfergangs bedeutet, das ist allein in die Hände der Täter und Opfer gelegt. Sind 90 Jahre eine lange Zeit? Ja. Die Generation der Täter und der Opfer ist nicht mehr unter uns. Die Unmittelbarkeit ist verloren. Gleichzeitig aber weitet sich der Blick, die Fakten werden immer klarer, auch differenzierter. Das Schweigen, die Verdrängung, das Weg- und Gegenreden – all das verliert heute mehr und mehr an Sinn und Überzeugungskraft. Und es behindert dort, wo weiter geschwiegen und verdrängt wird, die so überfällige Individualisierung der Schuld. Denn damit bleibt, gegen jede Wahrheit und Vernunft, ein ganzes, großes Volk - ja sogar eine neue Generation ohne jeden Schuldzusammenhang - im Schatten der Täterschaft. Sind 90 Jahre auch eine kurze Zeit? Für die
Geschichte ja. Sie kennt keine Verjährungsfristen. Wer hätte
gedacht, dass der Todesmarsch der Armenier von 1915 ganz unmittelbar in
die Aktualität zurückdrängt. Vielleicht auch – siehe
EU-Aufnahme der Türkei – mit falschem Zungenschlag und bisweilen
auch aus falschen Motiven. Aber das ist die Sprengkraft aller unbewältigten
Geschichte: Sie bricht ganz unvermutet in die Gegenwart ein und fragt
nicht, ob sie gelegen kommt oder nicht.
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