ÖRKÖ-Dokumente Ökumenischer Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ)

"Ökumene ist eine der Baustellen der Kirche von morgen"

Wortlaut des Vortrags von Kardinal Walter Kasper bei der ICO-Tagung in Salzburg über den "Ökumenischen Dialog mit den orientalischen Kirchen" (Teil II)

24.09.09 (KAP-ID) Die Ökumene ist eine zentrale "Baustelle der Kirche von morgen", sie ist "Gebot der Stunde" und sie ist "nicht Kür, sondern Pflicht": Mit eindringlichen Worten warb der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, bei der Tagung der "Initiative Christlicher Orient" (ICO) am 14./15. September in Salzburg für die Fortführung des Dialogs insbesondere mit den altorientalischen Kirchen. Der "Kathpress-Infodienst" dokumentiert den zweiten Teil des Vortrags von Kardinal Kasper im Wortlaut (Teil I erschien in der vorigen Ausgabe):
Zeichen der wachsenden Gemeinschaft sind auch die Rückgabe von Reliquien, so etwa die Rückgabe der Reliquien des Hl. Markus an die koptische Kirche, die Rückgabe des Hauptes des Hl. Andreas nach Griechenland und jüngeren Datums die Rückgabe von Reliquien Gregor des Erleuchters nach Armenien und der Hl. Kirchenlehrer Gregor von Nazianz und Chrysostomos nach Konstantinopel. Für die Orientalen bedeutet das communio sanctorum und damit Ausdruck der Kirchengemeinschaft.
Der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen (Pontificium Consilium ad Unitatem Christianorum Fovendam, PCPUC) sucht diese Form des Dialogs auf seine Weise zu befördern. Einerseits durch viele gegenseitige Besuche, durch die man Vertrauen und Freundschaft aufbauen kann, und andererseits durch das CCCC (Comitato cattolico per la cooperazione culturale) - dieses wirkt neben der Vergabe von Stipendien (gegenwärtig über 60) durch Unterstützung von Symposien und Übersetzungen von theologischer Literatur). Nach Papst Benedikt XVI. ist das eine unserer wichtigsten Initiativen. Wir werden darin unterstützt von vielen Ortskirchen (nicht zuletzt durch die Erzdiözese Wien in der Tradition von Kardinal Franz König, einem der großen Brückenbauer zwischen Ost und West) und durch die segensreiche Tätigkeit von "Pro Oriente", für die wir überaus dankbar sind. Auch die Dialoge in Frankreich, Deutschland und besonders in den USA sind hier von großer Bedeutung.
Es kommt nicht nur auf Worte und Dokumente an, es geht - wie Papst Benedikt XVI. zurecht sagte - auch um Gesten, welche für die weit überwiegende Mehrzahl der Gläubigen verständlicher sind als unsere oft komplizierte, manchmal auch unnötig komplizierte theologische Ausdrucksweise. Oder lassen Sie es mich so sagen: Ökumene ist nicht Diplomatie, sie ist auch keine Technik, sie ist eine Kunst, nämlich die Kunst, Misstrauen zu überwinden, Vertrauen aufzubauen, Freunde zu gewinnen und Freundschaft zu stiften.

Christologische Einigung
IV. Mit dieser Kunst hat etwa der spätere Kardinal Jan Willebrands, dessen 100. Geburtstag wir in diesen Wochen begehen, schon vor dem Konzil begonnen. Er ist durch ganz Europa und später durch die Welt gereist und hat ein ganzes Netz von Freundschaften aufgebaut, das ihm dann eine Hilfe war, als Johannes XXIII., ebenfalls ein Mann der Freundschaft, 1960 das damalige Einheitssekretariat gründete, das er dann aufzubauen hatte. Während des Konzils hat er im "Centro pro Unione" nahe der Piazza Navona regelmäßig die anwesenden nichtkatholischen Beobachter versammelt und ihre Vorschläge, soweit das möglich war, in die konziliare Beratung eingebracht. Aus den inzwischen veröffentlichten Konzilsakten weiß man, dass es direkte Einflüsse der östlichen eucharistischen Communio-Ekklesiologie auf die Kirchen-konstitution "Lumen gentium" und damit indirekt auf das Ökumenismusdekret "Unitatis redintegratio" gab.
Die Dialoge mit den orientalischen Kirchen setzten schon bald nach dem Konzil ein. Dabei war der Dialog mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen schneller. Das ist psychologisch verständlich, hatten diese sich doch nicht so sehr von Rom als von Byzanz getrennt. Schon 1967 begegnete Papst Paul Vl. den beiden armenischen Patriarchen. Am umfangreichsten war der Dialog mit der koptisch-orthodoxen Kirche. Von der Sache her stand dabei zunächst das christologische Problem, das Dogma von Chalkedon (451) im Vordergrund. Es gab verschiedene Konsultationen in der von Kardinal König begründeten Stiftung "Pro Oriente". Dabei gelang es, eine Formel, die sogenannte Wiener Formel, auszuarbeiten, welche den Ost und West gemeinsamen Glauben ausdrückte, dabei aber die umstrittenen Begriffe "physis", "hypostasis" und "prosopon" vermied. Wesentlichen Anteil an dieser Lösung hatte der heutige Papst-Patriarch Shenouda. Als er nach seiner Wahl 1971 im Jahr 1973 Papst Paul Vl. besuchte, konnten beide in einer gemeinsamen Erklärung vom 10. Mai 1973 sagen:
"Wir bekennen, dass unser Herr und Gott, der unser aller Erlöser ist, Jesus Christus, vollkommener Gott in Bezug auf seine Gottheit und vollkommener Mensch in Bezug auf seine Menschheit ist. In ihm ist seine Gottheit verbunden mit seiner Menschheit in einer wirklichen vollkommenen Einheit ohne Vermischung, ohne Vermengung, ohne Verschmelzung, ohne Veränderung, ohne Teilung, ohne Trennung. Seine Gottheit hat sich nie von seiner Menschheit getrennt, nicht einmal einen Augenblick, nicht einen Atemzug lang. Er, der ewige unsichtbare Gott, wurde sichtbar im Fleisch und nahm Knechtsgestalt an. In ihm sind alle Eigenschaften der Gottheit und alle Eigenschaften der Menschheit zugleich in einer wirklichen, vollkommenen und untrennbaren Einheit bewahrt."
Diese Formel wurde in der Folge in mehreren Treffen der katholisch/koptisch-orthodoxen Kommission bestätigt und vertieft. Bedeutsam ist, dass damit ein Schisma von 1.500 Jahren glücklich beendet werden konnte, und dass es gelang, den gemeinsamen Glauben auszudrücken, ohne dass die eine Seite der anderen ihre Terminologie aufdrückte. Man kann also denselben Glauben in unterschiedlicher Sprachgestalt bekennen. 1979 gelang noch die Formulierung von "Principles of guiding the search for unity between the Catholic Church and the Coptic Orthodox Church". Ähnliches geschah in der christologischen Einigung mit den syrisch-orthodoxen Christen.
Ebenfalls vorbereitet durch Konsultationen von "Pro Oriente" wandte sich dann die Arbeit ekklesiologischen Fragen, vor allem der Ekklesiologie und der Konziliarität und dem Primat zu, ohne freilich in der Frage des Primats zu einer Lösung zu finden. Schließlich kamen die Dialoge aus verschiedenen Gründen zum Erliegen. Sie konnten erst zu Beginn des neuen Jahrtausends durch neue Vertrauensbildung wieder aufgenommen werden. Dieses Mal nicht mehr mit einzelnen orientalisch-orthodoxen Kirchen sondern mit der ganzen Familie der orientalisch-orthodoxen Kirchen gemeinsam, ein Zusammenschluss, der sich seit den 1960er Jahren vorbereitetet hatte.
Als erstes Ergebnis dieser neuen Dialogrunde konnte im Frühjahr dieses Jahres auf der Basis einer communio-Ekklesiologie ein gemeinsames Dokument beschlossen werden: "Natur, Verfassung und Sendung der Kirche". Für mich grenzte es an ein Wunder festzustellen, dass trotz 1.500 Jahren Trennung beide Seiten nicht nur denselben apostolischen Glauben, sondern auch dieselbe sakramentale apostolische Struktur der Kirche bewahrt haben. Dass dies möglich war und ist, kann nicht anders denn als ein Zeichen der Führung des Heiligen Geistes verstanden werden.

Primatsfrage nächster "großer Berg"
In den weiteren Dialogen wollen wir uns der Primatsfrage zuwenden. Wir tun dies aber nicht sozusagen spekulativ sondern induktiv, indem wir untersuchen, wie das communio-Verhältnis zwischen den großen östlichen Kirchenzentren untereinander und mit Rom in den ersten fünf Jahrhunderten funktionierte. Das Verhältnis des Cyrill von Alexandrien zum Papst in Rom in der nestorianischen Krise vor dem Konzil von Ephesus (431) ist dabei von besonderer Bedeutung.
Mit diesen zuletzt genannten Fragestellungen schließt der Dialog mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen unmittelbar an die Dialoge mit den orthodoxen Kirchen byzantinischer und slawischer Tradition an. Die Dialoge mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen und mit den orthodoxen Kirchen laufen inzwischen zwar nicht institutionell aber in der Sache weitgehend parallel. Sie wenden sich ähnlichen Fragestellungen zu, die alle auf die communio-Ekklesiologie hinauslaufen.
So ging es in dem 1980 auf Patmos und Rhodos in Gang gekommenen Dialog mit den byzantinischen Kirchen in der ersten Dialogphase von 1980-90 zunächst darum, sich zu versichern, dass trotz der langen Trennung die Grundpfeiler der Brücke zwischen Ost und West standgehalten haben. Bereits im ersten Dokument zeigte sich, dass eine gemeinsame Basis im Verständnis der Kirche und ihrer Einheit im Konzept der eucharistischen koinonia/communio gegeben war.
Aufbauend auf diesen Ergebnissen beabsichtigte man bei der Vollversammlung in Valamo (1988) die hauptsächlich kontroverse Primatslehre in Angriff zu nehmen. Doch als man sich dann 1991 in Freising traf, war durch den Fall der Berliner Mauer und den Zusammenbruch der Sowjetunion eine grundlegend neue Situation entstanden. Die durch das kommunistische Regime als illegal erklärten katholischen Ostkirchen konnten wieder aus den Katakomben hervorkommen und in das öffentliche Leben zurückkehren. Das führte zu Spannungen und Konflikten mit den orthodoxen Kirchen besonders in der Ukraine und in Rumänien. Das Problem des sogenannten Uniatismus meldete sich zurück. Das führte in Freising (1991) hart an den Rand des Zusammenbruchs des Dialogs und in Baltimore (2000) zu einem Fiasko und de facto zu einer fünfjährigen Unterbrechung.
Es bedurfte viel Mühe und Geduld, vieler formeller und informeller Gespräche, Freundschaftsbesuche bei fast allen orthodoxen Kirchen, um das Schiff wieder flott zu machen. Patriarch Bartholomaios aber auch der damalige Metropolit Kyrill halfen mit, um aus dem Engpass herauszukommen. Auch das Pontifikat von Papst Benedikt XVI., der von den orthodoxen Kirchen lebhaft begrüßte wurde, half mit zu einer neuerlichen Wende zum Positiven. So konnte der Dialog in Belgrad (2006) und Ravenna (2007) wieder aufgenommen werden, und er wird nach der Vorbereitung auf Kreta (2008) in diesem Herbst auf Zypern weitergeführt werden. Die russisch-orthodoxe Delegation, die in Ravenna wegen der Teilnahme einer Delegation von Estland abreiste, wird nun nach einer eleganten salomonischen Lösung wieder teilnehmen.
Das Ergebnis des Ravenna-Dokuments ("Die ekklesiologischen und kanonischen Folgen des sakramentalen Wesens der Kirche. Kirchliche Gemeinschaft, Konziliarität und Autorität") ist bekannt. Das Ergebnis stellt einen wichtigen Schritt nach vorne, für beide Seiten, aber auch eine Herausforderung dar. Die orthodoxe Seite anerkennt, dass die Kirche auf der lokalen, regionalen und universalen Ebene wirklich ist und dass auf jeder dieser Ebene gemäß dem berühmten Kanon 34 der Apostolischen Canones (wohl spätes 4. Jahrhundert), also auch auf der universalen Ebene, ein Primat (Protos) notwendig ist, wobei der Protos auf der universalen Ebene gemäß altkirchlicher Tradition auch für die Orthodoxie nur der Bischof von Rom sein kann. Die katholische Seite stimmte zu, dass das Prinzip der Primazialität immer mit dem der Synodalität verbunden ist, was für uns noch nicht einfache Hausaufgaben mit sich bringen wird.
Konsequent hat sich der Dialog nun der entscheidenden Kontroversfrage zugewandt: "Die Rolle des Bischofs von Rom in der universalen Kirche im ersten Jahrtausend", also praktisch die Frage des Primats. Im Allgemeinen meint man: Das erste Jahrtausend haben wir gemeinsam, also kehren wir zum ersten Jahrtausend zurück. Doch das ist zu einfach gedacht. Denn es gab schon im ersten Jahrtausend in Ost und West unterschiedliche Entwicklungen und es gibt in Ost und West unterschiedliche Lesarten und Interpretationen dessen, was man sich unter dem ersten Jahrtausend vorstellt. So ist uns zwar die Vorstellung von einem Primat des römischen Bischofs gemeinsam; die Frage jedoch, was dies konkret besagt, wurde und wird unterschiedlich beantwortet.
Immerhin gelang es in Kreta, wesentliche Punkte für eine gemeinsame Lesart zu finden und eine brauchbare Diskussionsgrundlage für Zypern zu erstellen. Danach ist Rom gemäß den Konzilien von Konstantinopel (381) und Chalkedon (451) die prima sedes; der römische Bischof hat nicht nur einen Ehrenprimat; es werden die bekannten Texte bei Klemens von Rom, Ignatius von Antiochien und Irenäus von Lyon genannt und anerkannt, dass Rom auch später entscheidend war für die Bewahrung der nicänischen wie der chalkedonischen Orthodoxie wie für die Überwindung des Ikonoklasmus. Außerdem wird im Sinn der Synode von Sardika (343/344) ein Appellationsrecht nach Rom anerkannt und Rom eine Art Berufungsinstanz zuerkannt.
Natürlich bleiben viele Fragen offen, und vernünftigerweise kann niemand erwarten, dass wir in Zypern schon alle Probleme lösen können. Die unterschiedlichen Entwicklungen im 2. Jahrtausend bis hin zum I. und II. Vaticanum stehen noch immer wie ein Berg vor uns, und es würde an ein Wunder grenzen, wenn wir diese Barriere bei einem der folgenden Gespräche überwinden könnten.
Erst dann könnte man daran gehen, die Anregung von Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika "Ut unum sint" (1995) konkret aufzugreifen und nach einer neuen Form der Ausübung des Primats suchen, welche unter Wahrung der Substanz des Dogmas für beide Seiten akzeptabel ist. Papst Benedikt XVI. hat diese Anregung in seiner Homilie anlässlich seines Besuchs in Konstantinopel am 30. November 2006 wörtlich wiederholt. Sie bleibt also auf der Tagesordnung.

Keine simple Rückkehr zur "alten Kirche"
Die Antwort, wie diese Frage konkret gelöst werden kann, bleibt vorerst spekulativ. Oft zitiert man in diesem Zusammenhang die Aussage, die der damalige Professor Joseph Ratzinger 1976 in einem Vortrag in Graz geäußert hat, wonach die Suche nach Einheit mit Maximalforderungen von vorne herein scheitern müsste. "Rom muss vom Osten nicht mehr an Primatslehre fordern, als im ersten Jahrtausend formuliert und gelebt wurde." Er hat diesen Satz als Kardinal 1987 - nach meiner Meinung zurecht - differenziert. Eine simple Rückkehr zur alten Kirche ist nach dem Ende der Reichskirche sowohl historisch und wie theologisch nicht möglich. Die alte Kirche mit ihrer Zuordnung von Primat und Synodalität kann aber ein Modell sein, das unter den veränderten Bedingungen des dritten Jahrtausends für die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft hilfreich sein kann.
Ziel ist nicht eine Einheitskirche, auch nicht die Übernahme des westlichen Rechtssystems durch den Osten oder umgekehrt. Bereits das II. Vaticanum hat anerkannt, dass die Ostkirchen das Recht haben, sich nach ihren eigenen Ordnungen zu regieren (UR 16). Das nachkonziliare Kirchenrecht für die katholischen Ostkirchen hat diesen Gesichtspunkt anfanghaft umgesetzt; es sieht beispielsweise vor, dass die Bischöfe der katholischen Ostkirchen nicht vom Papst ernannt sondern von der jeweiligen Synode gewählt werden, woraufhin ihnen der Papst Gemeinschaft gewährt. Diese und andere Reglungen beanspruchen nicht, bereits das Modell für die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft mit den getrennten Ostkirchen zu sein. Sie sind also vorläufiger Natur (OE 30; Apostolische Konstitution "Sacri Canones", 1990).
Man kann - wiederum einer Anregung von Joseph Ratzinger folgend - unterscheiden zwischen der geistlichen Funktion des Primats und der administrativen Funktion des Patriarchen. In diesem Sinn ist eine weitgehende patriarchale Autonomie mit dem Primat Roms vereinbar. Die Einigungsformel des Konzils von Florenz (1439-1445) könnte so nochmals von Interesse werden. Das Konzil hatte dem Abschnitt mit der Definition des Primats Roms einen weiteren Abschnitt angefügt, welcher die traditionellen Vorrechte der "übrigen Patriarchen" bekräftigte (Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem) (DS 1307f.).

Warnung vor ökumenischer "Naherwartung"
V. Natürlich gibt es neben der Primatsfrage noch andere Probleme. Die Frage des Filioque-Zusatzes im Credo stellt für viele Orientalen nach wie vor eine Hürde dar. Dazu kommen die Lehre vom Fegefeuer und die beiden jüngeren Mariendogmen. Augustinus, der große Vordenker des Abendlandes, ist für die meisten orientalischen Theologen nach wie vor ein Problem. Für Papst-Patriarch Shenouda sind auch die Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Heilsmöglichkeit von Nichtchristen ein großes Problem. Vor allem stellt sich das Problem der Rezeption der Dialog-Dokumente. Das Konzil von Florenz muss uns eine Warnung sein. Die Einigung auf der hierarchischen Ebene wurde damals anschließend durch das darauf nicht vorbereitete Volk verworfen, und so waren nach Florenz die Dinge schlimmer als zuvor.
Unsere Dialoge sind also wichtig, aber sie sind nicht alles. Aus meiner Sicht sind sie eine entfernte Vorbereitung auf ein künftiges, im ursprünglichen Sinn ökumenisches Konzil, das allein die Wiederaufnahme der vollen koinonia/communio beschließen könnte. Wie weit es bis dorthin ist, vermag niemand zu sagen. Vor irgendwelcher Naherwartung kann man nur warnen; sie müsste nur zu Enttäuschung führen. Wir müssen uns damit begnügen, das zu tun, was wir heute verantwortlich tun können.
Letztlich ist Ökumene ein Werk des Heiligen Geistes. Ihn kann man nicht herbeizwingen; aber man kann ihm vertrauen, dass er das Werk, das er angestoßen hat und das schon so viele gute Früchte getragen hat, eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages zu Ende führt. Wann, wo, wie ist seine, nicht unsere Sache. Wir sollten uns freuen über das, was schon erreicht und was schon möglich ist; es ist wahrlich nicht wenig. Dann wird Gottes Geist das Seinige tun. Er ist immer wieder für Überraschungen gut. Tun wir also, jeder an seinem Platz, den Dienst, den Jesus uns als sein Testament aufgetragen hat, und tun wir diesen Dienst mit Zuversicht, mit Hoffnung und Freude in dem Bewusstsein: Die Ökumene ist eine der Baustellen der Kirche von morgen.

© 2004 - Eine Information des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich