ÖRKÖ-Dokumente Ökumenischer Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ)

"GEWALT ÜBERWINDEN" von OKR Dr. Michael Bünker

Bericht über die "Dekade zur Überwindung von Gewalt" beim ökumenischen Empfang von Kardinal Dr. Christoph Schönborn am 28.1.2002 in Wien

Als am 4. Februar 2001 im "Haus der Kulturen der Welt" in Berlin der Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen zusammentraf, um die "Dekade zur Überwindung von Gewalt" zu eröffnen, verwies Landesbischof Dr. Wolfgang Huber auf die Besonderheit des Ortes. Wenige hundert Meter neben dem besagten "Haus der Kulturen der Welt" stand die Berliner Mauer - der Inbegriff für die gewaltsame Teilung Europas. Gleichzeitig sind die Kirchen, die sich in unmittelbarer Nähe des Ortes befinden, auch Orte der bleibenden Erinnerung an die Erfahrung, dass dieser Gewalt mit gewaltlosen Mitteln ein Ende bereitet werden konnte. "Lasst die Steine liegen!", dieser dringliche Aufruf aus dem Herbst 1989 wurde gehört. 

Ebenso bemerkenswert wie dieser Ort ist auch der Tag, an dem die Versammlung stattfand. Der 4. Februar ist der Geburtstag Dietrich Bonhoeffers (4.2.1906). Er ist einer der prophetischen Befürworter der Gewaltfreiheit. Nach seinem Aufenthalt in den USA in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts wollte er bekanntlich nach Indien, um bei Mahatma Ghandi die Praxis des gewaltfreien Widerstandes kennen zu lernen. Wir wissen, dass daraus nichts mehr wurde. 1934 hat er auf der Friedenskonferenz in Fanö in Dänemark seine Form eines christlichen Pazifismus begründet und zu einem Friedenskonzil der christlichen Kirchen aufgerufen. Dieser Ruf verhallte ungehört. Wir nehmen heute theologisch dieses Erbe auf, wenn wir der Gewalt in all ihren Formen absagen. Gleichzeitig gehörte Bonhoeffer später zu den Verschwörern gegen Hitler. Er wollte der mörderischen Gewalt und der Tyrannenherrschaft ein Ende machen und war dafür bereit, Schuld auf sich zu nehmen. Denn als Schuld sah er jede Gewaltanwendung gegen andere Menschen an. Gleichzeitig wusste er aber , dass der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nur dann ein Ende gesetzt werden konnte, wenn jemand dem Tyrannen in den Arm fiel oder, wie es Bonhoeffer selbst nannte, dem Rad in die Speichen greift.
In dieser Spannung steht auch das Anliegen der Dekade zur Überwindung von Gewalt. Seit den Terrorüberfällen des 11. September 2001 stellt sich die Frage verschärft, wie auf einen solchen Ausbruch mörderischer Gewalt geantwortet werden soll und ob der militärische Gegenschlag der Allianz unter Führung der Vereinigten Staaten mit allen Folgeerscheinungen vom Standpunkt einer christlichen Ethik her gerechtfertigt werden kann.

Aber in der Erfahrung der Menschen der Welt ist nicht erst seit dem 11. September 2001 ist das Thema Gewalt, und wie ihr zu begegnen ist, brennend aktuell. Gewalt zu überwinden und eine Kultur des Friedens zu schaffen ist ein Überlebensfrage unserer Zivilisation insgesamt. 
Das nimmt die "Dekade zur Überwindung von Gewalt" auf. Sie wurde im Rahmen der 8. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Harare / Simbabwe 1998 ins Leben gerufen. 
Den Aufruf, Gewalt zu überwinden, gibt es freilich nicht erst seit dieser Versammlung in Afrika. Den Aufruf gibt es, seit Jesus von Nazareth seine Jünger und Jüngerinnen ermutigt und angewiesen hat, Gewalt nicht mit Gewalt zu vergelten, sondern in und durch Liebe zu überwinden. Dabei hat er auf viele Beispiele der jüdischen Tradition zurückgegriffen, von denen in der hebräischen Bibel berichtet wird: Die Hebammen Schifra und Pua (Exodus 1, 151-22), die mutige Abigail (1. Samuel 25, 2-42) oder die Königin Waschti (Esther 1) und viele andere. Diese biblischen Erinnerungen lassen aber auch davor erschrecken, wie wenig die Kirche Jesu Christi in 2000 Jahren ihrer Geschichte davon umsetzen konnte oder wollte. Und es bedeutet auch zu erkennen, dass die Kirche in ihrer Geschichte selbst Gewalt geduldet, abgesegnet und auch selber Gewalt ausgeübt hat und da und dort wohl noch tut. 

Die kirchliche Dekade geht parallel mit der Dekade, die die UNO auch im Jahr 1998 ausgerufen hat. Aufgrund eines Appells sämtlicher Friedensnobelpreisträger und -trägerinnen hat die Generalversammlung der UNO beschlossen, eine "Dekade für eine Kultur der Gewaltfreiheit und des Friedens für die Kinder dieser Welt" zu erklären.

2001 bis 2010 - was kann in dieser Zeit geschehen? Die "Dekade zur Überwindung von Gewalt" geht davon aus, dass Kirchen, Gemeinden und einzelne Christen und Christinnen sich selbst einbringen und sich ermutigen lassen, ihre eigene Fähigkeit zum Friedenstiften zu entdecken und einen eigenen Beitrag zur Überwindung von Gewalt zu leisten. 

Dazu gehören verschiedene Dinge:
- eine ganzheitliche Auseinandersetzung mit dem breiten Spektrum von direkter und struktureller Gewalt;
- Geist, Logik und Ausübung von Gewalt überwinden und eine Spiritualität aktiver Gewaltlosigkeit in den Kirchen einüben;
- ein neues Verständnis von Sicherheit gewinnen, dass auf Zusammenarbeit und Wechselseitigkeit gegründet ist und sich nicht auf Herrschaft und Konkurrenz verlässt;
- von der Spiritualität anderer Religionen lernen und von ihren Möglichkeiten, Frieden zu schaffen;
- die Kirchen dürfen nicht zulassen, dass religiöse Motive zur Rechtfertigung von Gewalt missbraucht werden;
- protestieren gegen die zunehmende Militarisierung unserer Welt und gegen die Verbreitung von Handfeuerwaffen.

Viele Initiativen, Gruppen und Einrichtungen sind in Österreich schon auf dem Weg der Gewaltlosigkeit. Das Netzwerk, das die UNO - Dekade begeitet, umfasst derzeit rund 40 verschiedene Gruppen, darunter auch kirchliche. Mit ihnen werden die Kirchen zusammenarbeiten. Dies hat der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) in seiner Vollversammlung am 9. März des vergangenen Jahres beschlossen. Ein erster Schritt, eine erste Intitiative sollte bei einem sogenannten "Impulstag" gesetzt werden. Dieser Impulstag fand dann am 24. November 2001statt. Dabei wurde die Kooperation erlebbar. Erfahrungsaustausch und Vernetzungen geschahen in den verschiedenen Arbeitskreisen, die die unterschiedlichen Aspekte von Gewalt besprochen haben und sich in den Bemühungen zu ihrer Überwindung gegenseitig stärkten. Das Spektrum reichte von der Gewalt in den Medien und in der Sprache, Gewalt gegen Frauen, gegen Kinder; Gewalt am Arbeitsplatz und durch wirtschaftliche Verhältnisse, Rüstung und Waffenhandel und so weiter.

Das Grundsatzreferat hat Dr. Fernando Enns gehalten. Fernando Enns ist mennonitischer Theologe. Die Mennoniten gehören zu den historischen Friedenskirchen, die in der Reformationszeit entstanden sind, aber wegen ihrer konsequenten Gewaltlosigkeit (Wehrdienst- und Eidverweigerung und anderes mehr) von Katholischen wie Evangelischen aus ihrer Heimat in Europa vertrieben wurden. Sie sind wieder da, in Österreich derzeit im Status einer Religiösen Bekenntnisgemeinschaft. Fernando Enns arbeitet in Heidelberg und ist im Ökumenischen Rat der Kirchen (Genf) für die Begleitung der Dekadenarbeit weltweit zuständig. Er war auch derjenige Delegierte, der in Harare am letzten Tag der Vollversammlung den Antrag auf Einrichtung einer solchen Dekade eingebracht hatte. 

In einem ersten Auswertungsgespräch nach dem Impulstag konnte die Absicht gefasst werden, dass die Dekadenarbeit auf die Agenda des ÖRKÖ kommt und auch mit entsprechendem Rückhalt und entsprechender Nachhaltigkeit betrieben werden soll. Die kommende Vollversammlung des ÖRKÖ am 7. März 2002 wird dazu die Richtung angeben und die nötigen Beschlüsse fassen, sie kann sich inhaltlich bereits auf entsprechende Abschnitte im Sozialbericht beziehen, auch in diese Richtung ist Vernetzung gegeben.

Die Dekadenarbeit braucht die Erkenntnis, dass das Friedenschaffen zum innersten Kern, zum Wesen von Kirche gehört. In Kolumbien, einem Land, das besonders unter Gewalt zu leiden hat, wurde die Dekade eröffnet mit folgendem Gedicht, in dem gut biblisch die Gewaltfreiheit mit Schalom übersetzt wird:

"Der Friede wird kommen wie die Morgenröte
in diese geschundene, diese schon ganz ermattete Welt,
und er wird kommen aus der Hand der einfachen Leute,
aus der Hand der Geringen,
aus der Hand der Armen dieser Erde,
und er wird verkündet aus dem Mund der Kinder
bei Klang der Musik der beherzten jungen Menschen.
Er wird sein wie Tau für dieses verdorrte Land."

Nähere Informationen und Impulse für die Praxis gibt es unter www.wcc-coe/dov und speziell für Österreich bei der Evangelischen Akademie Wien, Schwarzspanierstraße 13, 1090 Wien (www.evang.at/akademie


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