ÖRKÖ-Dokumente Ökumenischer Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ)

Gottesdienst in der Gebetswoche für die Einheit der Christen 2000
am 23. Jänner 2000 in der Lutherischen Stadtkirche, Wien 1
Predigt von Kardinal Dr. Christoph Schönborn (röm.-kath.)

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Es ist in dieser Gebetswoche für die Einheit der Christen ein bewegender Moment, daß wir uns zusammengefunden haben, um gemeinsam um das Gut der Einheit zu bitten. Um Jesus darum zu bitten, der diese Bitte in der letzten Stunde, beim letzten Abendmahl vor seinem Leiden, als die innigste Bitte an den Vater gerichtet hat: "Daß alle eins seien, so wie du und ich, Vater, wie wir eins sind." Brüder und Schwestern, die Lesung aus dem Epheserbrief begleitet uns durch diesen ganzen Gottesdienst. Vom Lob über das Schuldbekenntnis bis hin zur Fürbitte, die sich dann anschließen wird. Dieses Wort des Apostels Paulus ist ein Lobpreis, eine Benediktion in der großen jüdischen Tradition der Berachot, der "Broche", wie man auf jiddisch sagt, der Segnung. Lobpreisung, die zugleich Segnung ist, Benediktion dessen, von dem alle Benediktion ausgeht: "Gepriesen sei Gott!"

So darf ich beginnen mit dem Hinweis auf das Lob Gottes: "Gepriesen sei Gott!" Das ist das erste, das ist das, womit Paulus anhebt, das ist das, was ihm aus dem innersten Herzen kommt: "Gepriesen sei Gott!" Und es bedarf keines anderen Grundes für diesen Lobpreis - ja, wir können sagen, diesen Jubel des Apostels, als daß Gott Gott ist. Dank, Lobpreis, Anbetung, weil Gott Gott ist, weil Gott  i s t . Durch alle Dunkelheiten und Zweifel, alle Anfechtungen und Bedrängnisse hindurch dieses eine Gewisseste, dieses Herrliche, daß Gott Gott ist. Das ist auch die Botschaft, die das erwählte Volk, das Volk Gottes, das Volk Israel an alle Völker weiterzugeben hat. Und es ist ein Zeichen eben dieser erwählenden Gnade, von der im Folgenden die Rede sein wird, daß wir in dieser Einheitswoche, in dieser Woche des Betens um die Einheit, heuer zum erstenmal einen Tag des Judentums voranschicken durften. Uns daran zu erinnern, was das Volk Israel aus seiner Erwählung gelernt hat, was seine Stärke ist, was es im Psalm besingt: "Du wohnst im Lobpreis Israels." Gott wohnt im Lobpreis seines Volkes. Es ist die Freude, die unaussprechliche Freude seines Volkes, Gott loben zu dürfen. Und so sind wir hier zusammengekommen, um über alle Schwierigkeiten und Grenzen und Konflikte hinweg zuerst dieses eine zu tun, dieses Wichtigste, sozusagen unseren Urberuf, Gott zu loben.

Erlauben Sie mir zwei Konsequenzen aus diesem unbedingten Vorrang des Gotteslobes zu nennen. Die erste: weil Gott preiswürdig ist, nicht zuerst aus dem, was er tut und was wir ihm verdanken, sondern weil Er Er ist. Deshalb hat auch der Mensch eine Würde, eine unveräußerliche Würde, die nicht aus seinen Leistungen, aus seinem Tun kommt, sondern weil Er uns nach seinem Bild geschaffen hat. Dieser innere Zusammenhang zwischen Gotteslob und Menschenwürde ist vielleicht eine der wichtigsten Botschaften, die wir als Christen gemeinsam mit dem Volk Israel der heutigen Zeit zu sagen haben. Denn nicht zufällig wurden im 20. Jahrhundert beide gemeinsam mit Füßen getreten, das Gotteslob und die Menschenwürde. Und eine zweite Konsequenz: Es ist eine jahrhundertealte Weisheit, die in der Regel des Benedikt von Nursia steht: Operi Dei nihil praefertur - dem Lobe Gottes, dem Gottesdienst, sei nichts vorzuziehen. Es ist die würdigste und erste Aufgabe des Menschen, unser erster Dienst, nicht nur an Gott, sondern auch für die Menschen. Das Lob Gottes möge nicht verstummen, das Gebet für alle Menschen möge nicht ablassen.

Gebetswoche für die Einheit der Christen: Ist das nicht auch Anlaß, uns daran zu erinnern, daß wir als Christen den Dienst haben, in unserem Land den Himmel offen zu halten, dadurch, daß wir unverdrossen und mit Freude uns dem Lob Gottes widmen? Und daß wir darin auch bezeugen, daß unser erster Dienst ist, für alle Menschen zu beten? Gebetswoche für die Einheit der Christen, das kann auch heißen: Gebetswoche für unser Land. Und wäre es nicht an der Zeit, in diesen Tagen daran zu erinnern, daß - statt unsere Politiker zu kritisieren, sie mit Häme zu überschütten, sie, die Menschen mit Fehlern sind wie wir, die sich aber bemühen, mit mehr oder weniger Erfolg und mit ihren Schwächen und Stärken behaftet, Wege für unser Land zu suchen - wäre es nicht an der Zeit, wäre es nicht dringend an der Zeit, daß wir Christen dazu aufrufen und es selber tun, für unser Land und für alle, die in diesem Land Verantwortung tragen, zu beten, und ihm, unserem Land, und allen, die Verantwortung tragen, den Segen Gottes zu wünschen und zu erbitten?

Brüder und Schwestern, der zweite Teil unseres Leitwortes des heutigen Gottesdienstes, der heutigen Gebetsstunde, lautet: "Er hat uns gesegnet." Wir preisen Gott, der uns gesegnet hat, in Jesus Christus. Ich bitte um etwas Geduld, wenn ich nun doch aushole und diese beiden Worte ein wenig betrachte. Wer sind diese "Wir", "Uns hat er gesegnet", von denen Paulus spricht, und was bedeutet dieser Segen? Wen hat er gesegnet und worin besteht dieser Segen? 13 mal kommt in diesem Abschnitt, in diesem Hymnus, in dieser Benediktion das Wort "uns" oder "wir" vor, und wenn man das "Ihr" und "Euch" noch dazu nimmt, dann sind es weitere sieben mal. Wer sind "wir", die gesegnet sind? Alle Menschen? Alle Religionen? Aber Paulus richtet doch diesen Brief an die "Heiligen in Ephesus": "Gnade sei mit euch, und Friede mit euch, und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus." Kein Zweifel, dieses "Wir", das sind die an Christus Glaubenden, das sind die Getauften. Freilich: gleich eine Flut von Fragen: Sind damit die anderen ausgeschlossen? Sind wir die wenigen Gesammelten, Versammelten, die Auserwählten, und die anderen die Verlorenen? Und wie steht es unter uns? Auf wen erstreckt sich dieses "Uns"? Auf uns Katholiken, auf uns Christen, auf uns Getaufte? Aber es gibt unter uns Brüder und Schwestern, die sagen, nur die, die ganz entschieden sind für Jesus Christus, sind auch Christen. Sind wir Christen? Leben wir als Christen, so daß wir uns in diesem "Uns" wiederfinden können, von dem Paulus spricht?

Dieses "Uns" hat viele Risse, doch lassen wir uns zuerst auf das Wort vom Segen ein: "Er hat uns gesegnet in Jesus Christus." Was bedeutet dieses Gesegnetsein? Was ist sein Segen? Nun, wenn wir Paulus in seinem Lobpreis, in seiner Benediktion folgen, so ist es zuerst die Erwählung, und zwar schon vor Grundlegung der Welt. Vor der Erschaffung der Welt hat Er uns erwählt. Wir können vom erwählten Volk, vom jüdischen Volk lernen, was es heißt, die Erwählung als Last und als Segen zu tragen. Manes Sperber schreibt in seiner Autobiographie: Dreimal am Tag sollen wir Juden Gott danken für die Gnade der Erwählung, die uns doch soviel Last bringt. Erwählt: das ist der erste Segen, das ist der Ursegen, den Gott uns zugedacht hat, daß er uns erwählt hat, uns vor der Grundlegung der Welt. Und er hat uns dazu bestimmt, seine Söhne zu werden, das heißt, seinem Sohn gleich zu werden, seine Beziehung zum Vater als unsere Lebensmitte zu erhalten, und aus ihr zu leben, anders gesagt: Erben zu werden. Und Er hat uns gesegnet, indem Er uns die Gnade der Erlösung geschenkt hat. "Durch sein Blut haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade."

Brüder und Schwestern, dieses "Wir": Wer ist es? Wenn wir weiterlesen im Epheserbrief, können wir nicht anders, als klar und deutlich bekennen: Es ist die Kirche. Und damit sind wir mitten in bedrängenden Fragen: Gilt all das, was Paulus hier so großartig über die Erwählung sagt, über den Segen, mit dem wir im Himmel gesegnet sind in Jesus Christus, gilt das alles von der Kirche? Aber für Paulus ist es klar, dieses "Wir", das ist die Kirche. Und so kommen wir zum Kernsatz dieses Hymnus, so will es mir scheinen: "Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, um in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist." Das Wort, das Paulus hier gebraucht, ist, genauer übersetzt, die anakephalaiosis, d. h., "alles unter das eine Haupt Christus zusammenzufassen". Das ist sein Ratschluß, das ist sein Plan, dazu hat er die Welt geschaffen, dazu hat er uns erwählt: Alles in Christus zu versammeln. So sind wir - und das ist die Perspektive, in der bereits das jüdische Volk seine Berufung gelebt hat und bis heute lebt - auserwählt, nicht um ausgesondert zu sein, sondern um ein Segen zu sein. Gott sagt zu Abraham, daß er ihn segnet, damit er ein Segen sei, und damit durch ihn alle Völker gesegnet seien. Erwählung, Segnung heißt: für alle Menschen ein Segen sein. So ist auch die Kirche nicht für sich selber da, nicht, um sich selber abzuschließen und mit sich zufrieden zu sein, sondern um Sein Leib zu sein, damit Er ihr Haupt sein kann. Und damit durch diesen Leib alles unter das eine Haupt, unter Jesus Christus versammelt wird.

Brüder und Schwestern, was folgt daraus? Wenn die Kirche Sein Leib ist, wenn die Kirche jenes Instrument, oder, wie das zweite Vatikanische Konzil sagt, jenes Sakrament, d. h. Werkzeug und Zeichen ist, durch das Gott seinen Segen verwirklichen will, seinen Ratschluß, alles in Christus zu versammeln, dann muß dieses Instrument stimmen. Es muß mit dem Haupt zusammenstimmen, mit ihm akkordiert sein, Herz und Haupt müssen zusammenstimmen. Und deshalb sind wir erwählt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott. Und wenn wir es so bedenken, dann wird uns sehr ernst bewußt, wie tragisch es ist, daß wir als Kirche Jesu Christi nicht akkordiert sind untereinander. Und darum beten wir heute und in dieser Woche, und wir beten immer wieder darum, daß wir Ihm ein geeignetes Werkzeug seien. Daß er durch uns seinen heiligen Willen verwirklichen kann, alles in Christus unter ein Haupt zu sammeln.
Brüder und Schwestern, wenn das so ist, dann ist Ökumenismus nicht eine müßige Freizeitbeschäftigung, dann hat Ökumenismus etwas zu tun mit dem innersten Anliegen des ewigen Ratschlusses Gottes, mit seinem Heilsplan, mit dem, wozu er uns gesegnet hat, in Jesus Christus, durch seinen Geist. Dann ist Ökumenismus heiligste Pflicht der Christen, damit das Werkzeug, Seine Kirche, Sein Leib, dem Haupt immer mehr akkordiert, im Herzen entsprechend sei. Und so dürfen wir bitten, daß unser Miteinander als Christen im Zeugnis, im Leben, im Gebet immer deutlicher mache, zu welcher Gnade wir berufen sind, zu welcher Herrlichkeit alle Menschen gerufen sind, um es mit Paulus zu sagen: "Um zu Ihm zu gelangen, dem Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, zum Lob seiner herrlichen Gnade."

Amen

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