ÖRKÖ Dokumente Ökumenischer Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ)

Tag des Judentums, 17.Jänner 2000:
Schuldbekenntnis | Predigt von Superintendent Helmut Nausner
Schuldbekenntnis

Herr, unser Gott, wir bekennen vor dier, dass wir uns als Kirchen und oft auch als einzelne Christinnen und Christen schuldig gemacht haben an deinem Volk Israel. Wir haben uns gern die Gaben deines Volkes angeeignet - den Bund, den Gottesdienst und die Verheißungen -, aber mit ihm selbst wollten wir keine Gemeinschaft haben. Mit tiefem Schwerz sehen wir die lange Spurt an Blut und Tränen, an namenlosem Leid und Tod durhc die jahrunderte., die Chjristen verursacht habehn. Wir bitten dich um dein Erbarmen und deine Verbebung. Auch heut sind viele deiner Christinnen und Christen mit Blindheit geschlagen, so dass sie nciht sehen, was du an deinem Volök und damit an allen wirken willst. Öffne uns die Augen für das Geheimnis diener Wege. Wir btten dich um dein Erbarmen und deine Vergebung.

 

Predigt
gehalten am 17.Jänner 2000 beim Gottesdienst des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich in der Ruprechtskirche in Wien.

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Heute ist ein besonderer Tag: Christen in Österreich feiern zum ersten Mal den Tag des Judentums. Ich fühle mich geehrt, daß ich gebeten worden bin, heute und hier die Predigt zu halten. Gleichzeitig bin ich erschrocken und zittere, weil die Aufgabe so groß ist. Christen haben Juden verfolgt, sie ihrer Rechte beraubt, aus dem Land gejagt und oft getötet. Das hat sich mit regionalen Verschiedenheiten gut 1700 Jahre vor allem in Europa, dem sogenannten christlichen Kontinent, abgespielt. Der jüdische Historiker Robert Wistrich hat seinem Buch »Christian Anti-Semitism« (London 1991) den Untertitel gegeben "Die längste Haßbeziehung" (The longest Hatred). An diesem Punkt hat sich langsam, aber dennoch spürbar und erkennbar eine Veränderung vollzogen. Auch die Entscheidung, einen Tag des Judentums zu begehen, ist ein Zeichen dafür. Kirchen sagen der Judenfeindschaft ab. Die schreckliche Erfahrung der Schoah hat hier eine Veränderung bewirkt. Ein neuer Ton ist zu hören, als bei der Gründung des Weltkirchenrates im Jahre 1948 die dort versammelten Kirchen gemeinsam bekennen: »Wir haben es unterlassen, mit ganzer Kraft gegen die uralte Unordnung in der Menschenwelt zu kämpfen, die sich im Antisemitismus darstellt Die Kirchen haben in vergangenen Zeiten dazu geholfen, ein Bild des Juden als des alleinigen Feindes Christi entstehen zu lassen, das den Antisemitismus in der säkularen Welt gefördert hat.« Seit 1948 sind viele Erklärungen von verschiedenen Kirchen und ökumenischen Gruppen abgegeben worden. Nicht alle sind klar und eindeutig. Oft spiegeln sie mehr die Verlegenheit, Angst und Unsicherheit der Gruppe. Dennoch sind sie Zeichen für einen Prozeß tiefgreifender positiver Veränderung. Natürlich sind damit die vielen eingewurzelten Gefühle der Abneigung und der Verachtung, die so lange gepflegt worden sind, bei den einzelnen Christen oder Gruppen nicht einfach weg. Es wird seine Zeit dauern, bis nicht nur der Kopf sagt: Antisemitismus in jeder Form ist Sünde, sondern auch das Herz einwilligt und im Juden den Bruder/die Schwester erkennt und mit Respekt und Liebe annimmt. Wichtig erscheint mir, daß sich von dieser schrecklichen Haßgeschichte keine kirchliche bzw. christliche Gruppe distanziert. Denn alle sind in größerem und kleinerem Ausmaß schuldig geworden. Alle haben die Vorurteile und Grundhaltungen, die die Atmosphäre in der Gesellschaft bestimmt haben, in sich aufgenommen und auch entsprechend gefühlt und gehandelt. Das gilt es anzuerkennen. Sonst kann nichts Neues entstehen. Ich gebe einige Beispiele für das Verhalten des Hasses und einige Beispiele für die neu aufdämmernde neue Haltung der Buße und der Offenheit für das Judentum.

2. Melito von Sardes (160/170 n. Christus) sagt in seiner Predigt vom Passa: »Der die Erde aufhängte, ist aufgehängt worden. Der die Himmel festmachte, ist festgemacht worden. Der das All befestigte, ist am Kreuz befestigt worden. Der Herr ist geschmäht worden. Gott ist ermordet worden. Der König von Israel ist beseitigt worden durch israelitische Hand.« Und der Kirchenvater Chrysostomos schreibt in einer Predigt über das Fasten: »Wenn einer deinen Sohn umgebracht hätte, sag mir, hättest du es ertragen, ihn zu sehen? Seinen Gruß zu hören? Hättest du ihn nicht viel eher wie einen Dämon, ja wie den Teufel in Person gemieden? Deines Herren Sohn haben sie umgebracht, und du wagst es, mit ihnen am selben Ort zusammenzukommen? Und der, der umgebracht wurde, hat dich so geehrt, daß er dich zum Bruder machte und zu seinem Miterben; du aber entehrst ihn so, daß du seine Mörder, die ihn gekreuzigt haben, ehrst und ihnen Achtung bezeugst durch deine Teilnahme an ihren Festen.« Ich zitiere diese Väter, um bewußt zu machen, wie früh der Zwiespalt beginnt. Er zieht sich durchs Mittelalter, voll von Blutbeschuldigungen und Hostienfrevel. Martin Luthers Haßtiraden gegen die Juden sind bekannt. Das 2. Vatikanische Konzil bricht innerhalb der röm.katholischen Kirche bewußt mit dieser Traditon der Feindschaft und lutherische Kirchen distanzieren sich in dieser Frage klar von Martin Luther. Dieser Ton des Hasses hat die Seelen der Christen über Jahrhunderte vergiftet. Ich habe nur zwei Texte zitiert. Die Liste von mit Haß und Verachtung gefüllten Texten und vor allen die von begangenen Untaten ist lang. Mit Worten des Hasses hat es begonnen. Menschen verachtende Taten sind gefolgt.

3. Der Tag des Judentums hat die Aufgabe, Christen und Christinnen zu helfen, sich dieser belastenden Vergangenheit zu stellen, sie im Licht des Evangeliums als Unrecht, als gegen den Willen Gottes gerichtet, zu erkennen und mit ihr zu brechen. Das kann nur in der Haltung der Busse geschehen. Und Buße bedeutet, das schuldhafte Verhalten auszusprechen und anzuerkennen und sich dann klar vom erkannten Unrecht abzuwenden, in Wort und Tat, mit dem ganzen Leben. Ich bin dankbar, daß hier am Judenplatz im Oktober 1998 eine Tafel angebracht worden ist, auf der jeder den Satz lesen kann: »Heute bereut die Christenheit ihre Mitschuld an den Judenverfolgungen und erkennt ihr Versagen.« Die Enthüllung dieser Tafel ist in einem ökumenischen Akt vollzogen worden, an dem Vertreter vieler Kirchen und der Kultusgemeinde teilgenommen haben. Im November des gleichen Jahres 1998 hat die Generalsynode der Evangelischen Kirche A. und H.B. ein klares Wort formuliert und veröffentlicht: »Der Anteil und die Mitschuld von Christen und Kirchen am Leiden und Elend von Juden ist nicht länger zu leugnen. .nicht nur einzelne Christinnen und Christen, sondern auch unsere Kirchen sind am Holocaust/an der Schoa mit schuldig geworden.« Der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich spricht in bewußtem Bezug zu diesen erwähnten Erklärungen in seiner Botschaft zum Christentag 1999 die Bitte aus: »Wir beten, daß Versöhnung auch das Verhältnis zwischen Juden und Christen bestimme, und alle Kirchen erkennen, daß der Heilsweg des Ersten Testamentes weiterhin gültig ist und so mit allen Formen des jahrhundertealten Judenhasses brechen.« Es ist erfreulich, daß ähnliche Vorgänge in fast allen europäischen Ländern zu beobachten sind: wachsende Einsicht in vergangene Schuld und Bereitschaft, das Leben zu ändern. Der Tag des Judentums enthält die große Möglichkeit, daß solche Einsichten nicht nur Worte in offiziellen Dokumenten bleiben, sondern Eingang finden in die Herzen der Christinnen und Christen und deren Denken, Reden und Tun bestimmen.

4. Der Tag des Judentums soll immer an die Vergangenheit erinnern, denn wer seine Geschichte vergißt, liefert sich den dämonischen Mächten verdrängter Schuld aus. Der Tag des Judentums soll über das Erinnern hinaus Dankbarkeit wecken, Dankbarkeit für das reiche Erbe, das wir als christliche Kirchen dem Judentum verdanken. Der Apostel Paulus redete von diesem reichen Erbe und sagte es seinen heidnischen Glaubensgeschwistern in Rom und im Grund uns heute wieder: ».Israel, dem die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen; welcher auch sind die Väter, und aus welchen Christus kommt nach dem Fleisch.« (Röm. 9,4-5). Was wären wir ohne dieses Erbe! Wir haben Anteil an diesem Reichtum bekommen, aber Dankbarkeit ist dabei kaum laut geworden. Warum eigentlich nicht? Weil zu lange die Meinung vorherrschend war, daß die Kirche Israel abgelöst hat., daß die Kirche Israels Platz eingenommen hat. Wer ausgespielt hat, dem braucht man nicht zu danken. Gott sei Dank ist Israel immer noch da. Gottes Treue hat Israel am Leben erhalten. Israel hat nicht ausgespielt. Wir lernen, daß wir nebeneinander leben müssen, leben dürfen. Und daß dies dem Willen Gottes entspricht. Die Einstellung der Kirchen zu den Juden hat sich zu verändern begonnen. Nicht das Gegeneinander oder daß eines das andere ersetzt, entspricht dem Willen Gottes, sondern das Miteinander. Können Christen und Kirchen lernen, dankbar anzunehmen, daß Israel einen Platz von Gott erhalten hat, den ihm niemand nehmen kann? Erst wo dies geschieht, werden Christen und Kirchen befähigt, den Reichtum zu sehen und richtig anzuwenden, den Gott durch Israel den Christen und Kirchen hat zukommen lassen. Wem gebührt der Dank? Darin sind sich Juden und Christen sicher einig, daß aller Dank zuerst und vor allem Gott gebührt. Aber dann werden auch die Menschen genannt, durch die Gott handelt. So wie es der greise Simeon tut beim Anblick des Jesuskindes: »Herr, nun lässest du deinen Diener im Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zu erleuchten die Heiden, und zum Preis deines Volkes Israel.« (Luk. 2,29-32)So übersetzt es Luther. Die Einheitsübersetzung formuliert: ».ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.« Was für einen großen Unterschied macht es, ob wir Israel mit Augen der Dankbarkeit oder des Neides anblicken. Wir sind eingeladen zur Dankbarkeit. Mit ähnlicher Absicht fordert der Apostel Paulus seine Glaubens-geschwister aus den Heiden auf, Gott zu loben, der durch Christus sein Heil auch den Heiden zukommen läßt: »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!« (Röm. 15,10) Der Tag des Judentums könnte uns helfen, uns in Dankbarkeit zu üben, staunend immer mehr »die Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und Erkenntnis Gottes« (Röm. 11,33) zu erkennen.

5. Wo Dankbarkeit Raum gewinnt, beginnt Hoffnung zu wachsen. Es ist sicher nicht von ungefähr, daß der Apostel Paulus den Abschnitt, in dem er zum Lob Gottes und zum Dank ihm gegenüber aufruft, mit einem Wort der Hoffnung abschließt. In seinem Segenswort nennt er selbst Gott, einen Gott der Hoffnung. Ich schließe mit einem Gedanken der Hoffnung. Eine neue Beziehung zwischen Christen und Juden könnte sich durchaus auch segensreich für die Beziehung der Christen und Kirchen zueinander auswirken. Die Frage ist schon gestellt worden, ob nicht diese erste Trennung von Christen und Juden Grund für alle weiteren Trennungen und Spaltungen in der Christenheit gewesen ist. Darüber hinaus aber könnte eine neue Dynamik entstehen, wenn Juden und Christen gemeinsam eintreten für das Recht aller Menschen für ein Leben in Würde und Freiheit. Da und dort geschieht es bereits. Ist das ein Morgenrot, das Morgenrot eines neuen Tages? Ich schließe mit einem Satz aus einer neuen Stellungnahme der Leuenberger Kirchengemeinschaft, die jetzt den Mitgliedskirchen zur Begutachtung zugegangen ist. Dort heißt es: »In der Auseinandersetzung mit Diskriminierung, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sind Christen und Juden in den letzten Jahren an vielen Stellen gemeinsam aufgetreten und wissen sich darin miteinander verbunden. "Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung" - Themen, die im konziliaren Prozeß in vielen christlichen Kirchen besondere Bedeutung gewonnen haben, sind Anliegen und Hoffnungen, die Christen und Juden aufgrund der ihnen je eigenen Tradition bewegen. Im Kampf für die wachsende Verwirklichung von individuellen und sozialen Menschenrechten können sie Seite an Seite stehen. In den letzten Jahren gibt es in Europa viele Erfahrungen mit solchem gemeinsamen Engagement. Sie sind ermutigende Zeichen dafür, daß Schuld und Verletzungen nicht das letzte Wort behalten müssen, sondern daß - ohne die Vergangenheit zu vergessen oder zu verdrängen - behutsam gemeinsam Schritte getan werden können.« Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes.

Helmut Nausner
(Superintendent der evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich)

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